Blu Cinemathek Kritik & Meinung
DVD-Editionen mit thematischen Filmsammlungen sind seit einigen Jahren wichtige Nebengeschäfte von Zeitungsverlagen und erfreuen sich einer großen Beliebtheit nicht nur unter Cineasten. Nach über einer Million verkaufter Exemplare bei DVD-Editionen bringen Kinowelt/Arthaus und der KulturSPIEGEL erstmals eine Sammlung mit Blu-ray Discs, die „Blu Cinemathek“, heraus. Bei dem mittlerweile recht großen BD-Angebot war die Auswahl der zwanzig Filme nicht einfach. Ältere Filme wurden nur bei einer erstklassigen digitalen Restaurierung gewählt, wenn sich eine BD wirklich lohnt.
Die meisten Filme sind in den 1990er Jahren und ab 2000 entstanden. Zeitlich reicht die Palette von der „Blechtrommel“ (1979) bis zum „Ghostwriter“ (2009). Die gegenüber einer DVD mehr als fünffache Speicherkapazität der BD bietet neben der verbesserten Bild– und Tonqualität auch Platz für umfangreiche Extras. So kommt zu den 2085 Filmminuten mindestens noch einmal die Hälfte an Bonuszeit. Ein wichtiges Auswahlkriterium ist auch die Werbewirkung für das junge Medium Blu-ray Disc. Ihre Verbreitung ist noch nicht so groß wie von der Industrie gewünscht. Denn nicht alle Kunden werden ihren DVD-Bestand durch BDs ersetzen oder sich einen BD-Player oder HD-Flachbildschirm zulegen, solange die alten Geräte noch funktionieren.
Als Kompromiss und zum Einstieg enthält die „Blu Cinemathek“ für eine möglichst breitgestreute Zielgruppe eine Auswahl an künstlerisch hochwertigen, meist mehrfach ausgezeichneten Filmen. Es sind eher moderne Klassiker bestimmter Genres als Familienfilme, zwölf Filme sind FSK 12, sieben FSK 16. In der Länderauswahl ist die USA mit acht Filmen führend, gefolgt von Frankreich und Großbritannien mit je vier. Deutschland ist lediglich mit der „Blechtrommel“ vertreten. Unter den Regisseuren sind viele ausgezeichnete wie Luc Besson, Bernardo Bertolucci, Clint Eastwood, Roman Polanski, Volker Schlöndorff oder Oliver Stone. Die Auswahl der Schauspieler wird ein großes Publikum zufriedenstellen. Bei den Frauen sind dabei Juliette Binoche, Keira Knightley, Julianne Moore, Natalie Portman, Meg Ryan, Hilary Swank, Katharina Thalbach, Charlize Theron. Ralph Fiennes ist dreimal zu bewundern, Ewan McGregor und Jean Reno je zweimal, sonst sind unter anderen dabei Mario Adorf, Pierce Brosnan, George Clooney, Sean Connery, Tom Cruise, Clint Eastwood oder Morgan Freeman. Sammler der Kinowelt/Arthaus-Editionen wird freuen, dass nur fünf Filme der „Blu Cinemathek“ in bisherigen Editionen, weitere fünf erstmals auf Blu-ray Disc erschienen sind. Alle Titel sind einzeln erhältlich, was ein großer Vorteil ist. Denn wegen der Heterogenität des Programms und Repertoireredundanzen wird die Gesamtedition eher weniger bestellt werden, auch wenn sich damit 50 Euro einsparen lassen.
Fast die Hälfte der Filme sind dem Genre Drama zuzurechnen. „Die Blechtrommel“, hier in Volker Schlöndorffs Director’s Cut von 2010, ist der erfolgreichste deutsche Nachkriegsfilm. Bernardo Bertolucci zeigt in seinem bildgewaltigen Epos „Der letzte Kaiser“ das abenteuerliche Leben des letzten chinesischen Kaisers von der Kindheit im Palast bis ins Gefangenenlager. Aufstieg und Fall der legendären Rock-Band „The Doors“ vermittelt Oliver Stone mit Val Kilmer als literarischem Bandleader Jim Morrison, dessen Leben bereits mit 27 Jahren in der Badewanne eines Pariser Hotels endete. Eine der besten filmischen Literaturadaptionen, spannend und unterhaltend zugleich, ist Anthony Minghellas mit neun Oscars ausgezeichneter „Der englische Patient“. „Hass“ zeigt fast dokumentarisch in Schwarz-Weiß die brutale Realität unter französischen Jugendlichen in trostlosen Vororten. Lasse Hallström machte aus John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ mit Melancholie und ironischem Witz einen Mix aus Drama, Komödie und Romanze. „Magnolia“ ist ein über dreistündiges Meisterwerk, das neun Schicksale innerhalb 24 Stunden in Los Angeles darstellt. Es gibt so viele Facetten in den kunstvoll verschlungenen Handlungsfäden, dass selbst nach mehrmaligem Sehen immer wieder neue Details zu entdecken sind. Nicht nur für Sportfreunde ist das Boxerdrama „Million Dollar Baby“ von und mit Clint Eastwood und Hillary Swank ein Ereignis. „Die Herzogin“ mit opulenten Kostümen und einer prächtigen Keira Knightley in der Titelrolle porträtiert die britische Adelsgesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts. Mit ihrer Nachfahrin Prinzessin Diana hat Georgiana Spencer außer einem gefühlskalten Mann noch weitere Gemeinsamkeiten.
Freunde des Actionfilms kommen viermal auf ihre Kosten. Luc Bessons Kultfilm „Léon – Der Profi“ ist in zwei Versionen enthalten. Besonders das intensive Spiel von Jean Reno und dem Kinderstar Natalie Portman ist ergreifend. „Strange Days“ zeigt Los Angeles mit Exzessen von Sex und Gewalt im Millenniumsfieber. Mit einer neuartigen Kameraführung des POV (Point of View) zum Beispiel an Helmkameras begeistert Kathryn Bigelow in dieser futuristischen Vision. Das asiatische Martial-Arts-Kino wird durch „Tiger & Dragon“ von Ang Lee repräsentiert, westlichen Kampfsport gibt es in „The Wrestler“ mit dem Comeback von Mickey Rourke als alterndem Catcher.
Das Thriller-Quartett beginnt chronologisch im Mittelalter mit „Der Name der Rose“. Über sechs Millionen Zuschauer lockte der von Bernd Eichinger produzierte Klosterkrimi nach Umberto Ecos Roman in die Kinos. „Nikita“ von Thriller-Spezialist Luc Besson ist ein Agentenfilm mit einer Art weiblichem James Bond. „Bank Job“ schildert fesselnd den spektakulären Einbruch in eine Londoner Bank durch einen selbst gebohrten Tunnel. Im Inhalt der gestohlenen Schließfächer schlummern brisante Geheimnisse über die feine Gesellschaft bis zum Königshaus. Auch in Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ spielt die britische Prominenz eine Rolle. Ähnlichkeiten der Protagonisten mit dem ehemaligen Premierminister Tony Blair und seinem Außenminister Robin Cook sind kein Zufall.
„Once“ ist ein romantischer Musikfilm aus Irland. Die Begegnung mit einer aus dem Osten eingewanderten Pianistin verändert das Leben eines einfachen Straßenmusikers für immer. „Männer, die auf Ziegen starren“ kann als Komödie oder Kriegsfilm gesehen werden. Mit einem Staraufgebot um George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges und Kevin Spacey geht es um wundersame Dinge wie Gedankenlesen, Laufen durch Wände und Töten von Ziegen durch Anstarren. Die Vorteile der HD-Qualität bei Dokumentarfilmen sind in „Deep Blue“ über das Leben im Meer zu bestaunen. Es ist einer der aufwendigsten Naturfilme für das Kino. Die Kameras zeigen bisher unerschlossene Gegenden am tiefen Meeresgrund, bunte Korallenriffe oder Delphine und Wale an der Wasseroberfläche. Die passende Musik dazu haben die Berliner Philharmoniker eingespielt.
Fazit
Diese hervorragende Auswahl an preisgekrönten Filmen bietet für jeden Geschmack etwas und demonstriert eindrucksvoll, dass die Blu-ray Disc das Bildmedium der Zukunft ist. Die Preisunterschiede zur DVD werden immer geringer und mit steigender Nachfrage bald aufgehoben sein. Die „Blu Cinemathek“ gefällt durch eine schöne Aufmachung mit ausführlichen Einführungen und sachkundigen Kritiken der KulturSPIEGEL-Redaktion.
von Johannes Kösegi
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