Filme.Kino.DVD
Kinofilmer bei Twitter Kinofilmer bei Twitter

Buddenbrooks Kritik & Meinung

Sobald Kin­dern etwas ver­bo­ten wird, reizt es sie, erst recht zu tun. So muss es Hein­rich Bre­loer ergan­gen sein, als seine Leh­re­rin in einem katho­li­schen Inter­nat die Lek­türe von Tho­mas Mann ablehnte. Umso mehr fühlte er sich im Lauf sei­nes Lebens immer wie­der von die­sem Schrift­stel­ler und sei­nen Wer­ken ange­zo­gen. Der erste Höhe­punkt die­ser Aus­ein­an­der­set­zung war das hoch­ge­lobte Doku-Drama „Die Manns“, das die span­nende Fami­li­en­ge­schichte mit all ihren Ver­zwei­gun­gen aus­führ­lich darstellte.

Ihm folgte 2008 ein Kino­film von Tho­mas Manns auto­bio­gra­fi­schem Meis­ter­werk „Bud­den­brooks“ über den Auf­stieg, Glanz und Fall einer Lübe­cker Kauf­manns­fa­mi­lie, der mit dem Lite­ra­tur­no­bel­preis aus­ge­zeich­net wurde. Auch für Bre­loer gibt es bio­gra­fi­sche Bezüge zu den Bud­den­brooks, denn er ent­stammt selbst einer alt­ein­ge­ses­se­nen Kauf­manns­fa­mi­lie und kann sich so gut in die Roman­fi­gu­ren hin­ein­ver­set­zen. Bis­her hatte es von „Bud­den­brooks“ den Schwarz-Weiß-Film von 1959 mit Lise­lotte Pul­ver und Hans­jörg Felmy und eine Fern­seh­se­rie von 1978 gege­ben. Bre­loer war somit der erste, der die­sen Jahr­hun­der­tro­man in opu­len­ter Aus­stat­tung und bril­lan­ter Farb­qua­li­tät ins Kino brachte. Der Erfolg war enorm, über eine Mil­lion Zuschauer in Deutsch­land, die Ver­brei­tung in über 50 Län­dern und der Nord­deut­sche Film­preis als „Bes­ter Kino­film“ spre­chen für sich. Für das Fern­se­hen wurde ein Director’s Cut nach­ge­lie­fert. Er ist mit drei Stun­den Spiel­zeit etwa 40 Minu­ten län­ger und lief als Zwei­tei­ler in der ARD. War­ner Bro­thers bringt die­ses opu­lente Kos­tü­me­pos als Doppel-DVD in einer luxu­riö­sen Auf­ma­chung heraus.

Bre­loer hat sich viel vor­ge­nom­men. Mit einem Etat von 16 Mil­lio­nen Euro wollte er einem der bedeu­tends­ten und berühm­tes­ten Werke der Welt­li­te­ra­tur, das in 40 Spra­chen über­setzt wurde, noch­mals neue Facet­ten abge­win­nen. Der öko­no­mi­sche und soziale Umbruch vor der Wende zum 20. Jahr­hun­dert, den die Lübe­cker Patri­zi­er­fa­mi­lie erlebt und an dem sie letzt­lich schei­tert, ist mit dem ver­gleich­bar, was wir heute mit der Glo­ba­li­sie­rung erle­ben. Heute wie damals gab es wirt­schaft­li­che Umwäl­zun­gen und tech­ni­sche Inno­va­tio­nen. Die Han­se­stadt Lübeck, die im 19. Jahr­hun­dert ihre wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten in den Nord­deut­schen Bund und ins Deut­sche Reich aus­wei­tete, ist ver­gleich­bar mit Deutsch­land im aus­ge­hen­den 20. Jahr­hun­dert, das sich spä­tes­tens ab 2000 dem welt­wei­ten Kon­kur­renz­druck stel­len musste. Wäh­rend sol­cher Pro­zesse gibt es immer Gewin­ner und Ver­lie­rer. Im Roman sind dies der neu­rei­che Empor­kömm­ling Hagen­ström, der die Zei­chen der Zeit erkannt hat, und Tho­mas Bud­den­brook, der mit sei­ner tra­di­tio­nel­len Art des Getrei­de­han­dels schließ­lich schei­tert. „Bud­den­brooks“ ist kein Wirt­schafts­krimi, doch Geschäft­li­ches und Pri­va­tes sind in die­ser Fami­lie untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Die Mar­zi­pan­stadt Lübeck erlangte durch die­sen Roman Welt­ruhm, wenn ihr Name im Roman auch nicht genannt wird. Und wo sonst gibt es noch ein Haus, das nach einem Roman benannt ist, wie das Bud­den­brook­haus in der Men­ge­straße 4, wo bereits Tho­mas Manns Groß­va­ter wohnte.

Wie immer in Lite­ra­tur­ver­fil­mun­gen muss der Roman stark ver­kürzt wie­der­ge­ge­ben wer­den, der die Fami­li­en­ge­schichte von 1836 bis 1877 abdeckt. Viele Leser wer­den von Bre­lo­ers Strei­fen folg­lich ent­täuscht sein, weil zahl­rei­che Details feh­len oder der Dra­ma­tur­gie wegen ver­fälscht wur­den. Aber man kann es auch posi­tiv sehen, wenn man bedenkt, dass durch die Kino-, Fern­seh– und DVD-Vermarktung Mil­lio­nen von Lite­ra­tur­ver­äch­tern wenigs­tens eine Ahnung von die­sem Stück gro­ßer Welt­li­te­ra­tur bekom­men. Die erste Gene­ra­tion um den Unter­neh­mer Johann Bud­den­brook wird im Film ganz ver­schwie­gen, dafür umso genauer die zuneh­mend geistig-seelischen Kon­flikte der nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen mit ihren Selbst­zwei­feln oder dem sen­si­blen Künst­ler­tum des musi­ka­lisch begab­ten jüngs­ten Nach­fah­ren in der vier­ten Gene­ra­tion gezeigt. Die län­gere Fern­seh­fas­sung hat mehr Zeit für Details in den Cha­rak­ter­zeich­nun­gen, um das all­mäh­li­che Schwin­den der bür­ger­li­chen Tugen­den, der eins­ti­gen Basis für wirt­schaft­li­chen Erfolg und sozia­les Anse­hen der Fami­lie, zu zei­gen. Sel­ten lässt sich der prag­ma­ti­sche Blick auf das Tages­ge­schäft mit Sen­si­bi­li­tät und Mit­ge­fühl in der Fami­lie ver­ei­nen. „Vom Kla­vier aus kann man kei­nen Getrei­de­han­del füh­ren“ sagt Tho­mas zu sei­nem musisch begab­ten Sohn Hanno. Warum er dann über­haupt eine nie­der­län­di­sche Gei­ge­rin gehei­ra­tet hat, bleibt sein Geheim­nis. Der Film betont im Gegen­satz zum Roman mehr das Soll und Haben als das Leben und Ster­ben der Familie.

Trotz der zeit­lo­sen Aus­sa­gen des Romans haben sich die Film­de­si­gner streng an den Geist der Zeit des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts gehal­ten, Aus­stat­tung und Dekors sind per­fekt wie auf his­to­ri­schen Gemäl­den. Trotz die­ser anti­ken Auf­ma­chung fühlt man sich unwei­ger­lich in die Jetzt­zeit mit Finanz­krise und Glo­ba­li­sie­rung ver­setzt. Tho­mas Bud­den­brook hat damals ähn­lich spe­ku­la­tive Leer­käufe mit Getreide gemacht wie die Invest­ment­ban­ker heute mit Deri­va­ten. Neben der wirt­schaft­li­chen Fami­li­en­krise geht es beson­ders um die zwi­schen­mensch­li­chen Kon­flikte im Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­ge­füge die­ser Groß­fa­mi­lie. Bei der Beset­zung bewies der Regis­seur meist ein glück­li­ches Händ­chen. Armin Mueller-Stahl als Kon­sul Jean Bud­den­brook knüpft an seine Glanz­leis­tung als Tho­mas Mann in „Die Manns“ an, Iris Ber­ben spielt seine Gat­tin, Kon­su­lin Bethsy. Von ihren drei Kin­dern ragt beson­ders Jes­sica Schwarz als Tony mit ihren vie­len wech­seln­den Män­ner­be­kannt­schaf­ten her­aus. Ihre Brü­der wer­den dar­ge­stellt von Mark Waschke als beson­ne­ner Geschäfts­mann Tho­mas und August Diehl als impul­si­ver Bon­vi­vant Chris­tian. Wer das ganze noch aus­führ­li­cher will, kann zum Ver­gleich noch ein­mal auf die Ver­fil­mung von 1978 zurück­grei­fen, die vom sel­ben Kame­ra­mann Ger­not Roll ins Bild gesetzt wurde. In die­ser 11-teiligen Fern­seh­fas­sung bleibt mehr Zeit für Details. In der Bril­lanz der bun­ten Bil­der und der Opu­lenz an Aus­stat­tung ist Bre­lo­ers jüngste fil­mi­sche Annä­he­rung an Tho­mas Manns genia­les Früh­werk jedoch kaum zu über­bie­ten. Ein vier­zig­sei­ti­ges Book­let in Hoch­glanz­auf­ma­chung und ein ein­stün­di­ges Making-of ergän­zen die drei­stün­dige Fern­seh­fas­sung ideal.

von

Shopping

Eure Meinungen & Kommentare

  • lunainq
    der film gleicht einem feuerwerk der effekte, der kostüme, der kulisse jedoch übertönt dieses prunkvolle feuerwerk die charaktere. ich seh in diesem film keine gelungene neuinterpretation, viel mehr ist er als dekadischer versuch der deutschen regisseure zu sehen, die boddenbrooks zu verfilmen leider geht dabei, auch wenn der film überlänge hat, doch ein ganz wesentlicher teil der tiefe des buches verloren. ich selbst fand die buch vorlage auch nicht grade überragend ^^

  • Lincoln2000
    @Namikori ^^Was ich übrigens sagen muss: Der Stolz und Vorurteil Film mit Colin Firth ist wirklich absolut überragend. Kann ich nur weiterempfehlen ;P Der neue ist zwar sehr stark auf Bildgewaltigkeit angelegt, aber das alleine macht den Film noch nicht gut.

  • Namikori
    @Lincoln2000 Nicht schlecht aber wie ich jetzt gemerkt hab, ziemlich langatmig... Ich weiß es wie gesagt nicht, vielleicht wie es aufgezogen ist (der Trailer, ich meine nur den) aber irgendwie musste ich dabei an Stolz und Vorurteil denken :P

  • Lincoln2000
    @Namikori Wir lesen das Buch gerade ebenfalls im Deutsch LK. Also kurz ist es ja nicht. Die Idee der Geschichte ist natürlich nicht schlecht. Aber in wie weit hat das was mit Stolz und Vorurteil zu tun?

  • Namikori
    klingt gut^^ wir lesen das Buch grad im Deutsch LK bzw fangen jetzt damit an und wir sollen uns den Film ansehen :P Ich hatte schon Angst, dass das langweilig wird :D aber iiiiiiiiiiirgendwas und ich weiß nicht was es ist, erinnert mich da an Stolz und Vorurteil^^

  • ichbinsdieana
    august diehl ist auch wirklich das einzig gute an dem film.

  • klaerlie
    schrecklich! wie man ein gutes Buch so schlecht verfilmen kann. Die Schauspieler find ich nicht schlecht, aber der film trieft von kitsch, die Farben wechseln immer nur von (mond)blau und (feuer)gelb, ununterbrochen hört man im hintergrund übertrieben theatralische musik. für mich eine rosamunde pilcher verfilmung

  • chajiim
    Ziemlich flach-wird dem Buchüberhaupt nicht gerecht!

  • Game Helpz T V
    Wie heisst die Schauspielerin bei 1:15?

  • Wolliges Hangschaf
    Ich habe die alte Version gesehen und fand die echt klasse! Aber bei dem Film bin ich im Kino eingeschlafen, da ich den echt langweilig fand!

  • Reality Researcher
    Bin gerade mit dem Buch durch...verdammt, ich muss erstmal wieder richtig zu mir kommen. Ist nicht der richtige Ort für eine Buch-Rezension hier: aber sollte man sicherlich lesen bevor man den Film schaut (mache ich morgen) und sich ein wenig auf eine tief die Seele und Verstand berührende Kost gefasst machen.

  • The Austriafilm1
    25.09.2010 gneau vor 2 Jahren und das rein zufällig. WOW Ich bin echt gut

  • solitudinarian
    @dienna91 Du mit Deinen 19 Jahren hast ja auch noch keinen Plan vom Leben. Kein Wunder, daß Du mit nem Klassiker nix anfangen kannst. Such hier mal nach dem Lied "Deutschlehrer" von Sebastian Krämer.

  • solitudinarian
    Im Vergleich mit der 70er Jahre Verfilmung und dem Hörspiel ein katastrophales, liebloses Machwerk mit etlichen Fehlbesetzungen.

  • caesaria90
    Nein, ich finde Breloer ist damit die richtige Mischung gelungen. Gerade Müller Stahl brilliert wie sooft!

  • ronnyp67
    Armin Mueller-Stahl wie immer in Hochform. es ist halt schwierig einen so langatmigen und fast 1000 Seiten langen Roman in zweieinhalb Filmstunden zu packen. Ich denke an die 11-teilige Serie aus dem Jahr 1979 zurück, damals mit Volker Kraeft als Thomas Buddenbrook und Martin Behrend als sein Vater Konsul Buddenbrook. Vor 30 Jahren war das die damals teuerste ARD-Verfilmung in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Aber der Film ist schon gut.

  • Kirschmaoam
    Naja, ich denk mal, dass das auch nur einer der Filme ist, die man nur sehen kann, wenn man das Buch bereits gelesen hat.. aber ich fand die Schauspieler in der ersten Verfilmung irgendwie passender :/

  • Amalia Hewer
    Viel mit dem Buch hat der Film aber nichts zu tun...

  • littlelolita92
    Ein wahres Meisterwerk und keineswegs langweilig

  • Vanni Bunny87
    zunächst war ich irritiert und später dann gefesselt von all den details und der herzzerreißenden handlung....ein kunstwerk.

Wie findest Du den Film "Buddenbrooks"? Wir freuen uns auf Deine Meinung!

?
DU