CHATROOM: Das World Wide Web — Eine Spielwiese für Kriminelle
Im wahren Leben hätten sie vermutlich nie ein Wort miteinander gewechselt, im „Chatroom“ (ab 24. Juni 2011 auf DVD und Blu-ray) geben sie alles über sich preis. Was für die Teenager Jim, Eva, Emily und Mo wie ein harmloses Spiel beginnt, gerät bald aus den Fugen. Sie alle verfallen dem Charme des charismatischen William. Doch der verfolgt nur ein Ziel: Er will den unsicheren Jim in den Wahnsinn treiben.
Genau wie William begreifen viele Menschen das Internet als Ort, an dem kriminelle Energien ungestraft ausgelebt werden können. Und so ist das World Wide Web längst auch zur Spielwiese von Netzpiraten, Online-Dieben und anderen Internet-Verbrechern geworden.
Besonders für Netzpiraten verspricht das Internet reiche Beute. Immer wieder werden ahnungslose Internetnutzer Opfer von Phishing-Attacken, wie etwa 2007, als tausende User gefälschte Emails der Pokerseite Partypoker.com erhielten, mit denen sich die Absender sensible Daten erschleichen und für finanzielle Transaktionen missbrauchen konnten. Doch auch Hackerangriffe im großen Stil häufen sich. Momentan sorgt die Gruppe Lulz Security mit diversen Cyber-Angriffen für Schlagzeilen. Erst kürzlich hatten sie die Server des Elektronik-Riesen Sony geknackt, nun ist es den Hackern gelungen, 26 000 Adressen und Passwörter von der US-amerikanischen Pornoseite „Pron“ zu stehlen – mit der Androhung, die User der Seite öffentlich bloßzustellen.
Die Sicherheitssysteme von Atomkraftwerken fallen aus. Die Computersysteme eines Flugzeuges streiken. Schreckensszenarien, über die man lieber nicht nachdenken möchte. Doch nicht immer ist technisches Versagen schuld. So auch im Falle von Stuxnet. 2010 tauchte der Virus in der iranischen Atom-Aufbereitungsanlage Bushehr auf und manipulierte die Geschwindigkeit von Uranzentrifugen. IT-Experten vermuteten hinter dem Cyber-Schädling einen gezielten Sabotage-Akt gegen iranische Atomanlagen. Neben Cyber-Spionage wird Cyber-Terrorismus als Form der virtuellen Kriegsführung derzeit als eine der größten Bedrohungen für Regierungen und Wirtschaftssysteme angesehen.
Jahr für Jahr kämpft die europäische Kreativwirtschaft mit finanziellen Einbußen in dreistelliger Milliarden-Höhe. Der Grund: Downloadportale erfreuen sich inzwischen größerer Beliebtheit als Videotheken und Plattenläden. Allein auf der Seite Kino.to zogen sich bis vor kurzem noch vier Millionen Zuschauer täglich die neusten Kinofilme rein – für die Nutzer ein Filmvergnügen in einer rechtlichen Grauzone, für die Betreiber ein klarer Urheberrechts-Verstoß. Kürzlich wurde dem munteren Filmdiebstahl allerdings der Riegel vorgeschoben: Mehrere Betreiber der Seite konnten festgenommen und die Seite aus dem Datenverkehr gezogen werden. Wo einst Gratis-Blockbuster lockten, erwartet die User von Kino.to inzwischen nur noch ein mahnender Hinweis der Kriminalpolizei, dass Raubkopierer straffrechtlich verfolgt werden.
Mobbing ist Alltag. Ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Internet. Denn dort müssen die Täter unter dem Deckmantel der Anonymität keinerlei Folgen fürchten. Genau damit warb bis vor kurzem auch die Läster-Seite iShareGossip, die Kinder und Jugendliche dazu animierte, Mitschüler und Bekannte verbal fertigzumachen. Die Cyber-Mobbing-Attacken reichten von Beleidigungen und Verleumdungen bis hin zu Amokdrohungen gegen Schulen. Kein Wunder, dass diese Art von „Gossip“ nicht ungehört im virtuellen Raum verhallte, sondern auch im realen Leben schnell hohe Wellen schlug. Inzwischen hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften die Seite auf den Index gesetzt. Damit ist isharegossip nicht mehr über deutsche Suchmaschinen auffindbar.
Doch auch zahlreiche andere Fälle zeigen, dass Viele die virtuelle Welt als gänzlich strafffreien Raum verstehen: Angefangen mit der Verbreitung von Kinderpornografie über bitterböse „Spaßvideos“ auf Youtube, in denen Hundewelpen ertränkt oder Frösche mit China-Böllern in die Luft gejagt werden, bis hin zu Menschen, die anderen via Webcam beim Sterben zuschauen. Wie im Falle des 19jährigen US-amerikanischen Studenten Abraham Biggs, der seinem Leben 2008 mit einem Pillen-Cocktail ein Ende setzte und die Nutzer der Internetseite Justin.tv dabei zusehen ließ. Statt einzugreifen, ermutigten die Schaulustigen den manisch-depressiven Jungen mit ihren Kommentaren geradezu. Vielleicht, weil keinen von Ihnen den Ernst der Lage begriff.
Denn wenn der Selbstmord von Abraham Biggs eines verdeutlicht, dann das: Besonders im virtuellen Raum verschwimmen oft die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Oder wie in der meisterhaften Theaterverfilmung „Chatroom“: die Grenzen zwischen Spiel und tödlichem Ernst.
von Steffen Müller
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