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DER MANN MIT DEM FAGOTT Kritik & Meinung

Gene­ra­tio­nen­über­grei­fend gehört Udo Jür­gen Bockel­mann alias Udo Jür­gens zu den erfolg­reichs­ten deutsch­spra­chi­gen Unter­hal­tungs­künst­lern mit inter­na­tio­na­lem Anse­hen. Im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Show­grö­ßen der Musik­bran­che hat er alle seine Erfolgs­songs selbst kom­po­niert. Noch heute ist er künst­le­risch pro­duk­tiv und mit alt­be­kann­ten und neuen Hits auf Tour­nee. Dabei ist ihm nicht anzu­se­hen, dass er gerade 77 Jahre alt wurde. Aus die­sem Anlass wurde die 11 Mil­lio­nen teure TV-Verfilmung sei­ner Fami­li­en­bio­gra­fie „Der Mann mit dem Fagott“ in der ARD ausgestrahlt.

Uni­ver­sum Film bringt die­sen von Regis­seur Miguel Alex­andre („Die Frau vom Check­point Char­lie“) auf­wän­dig insze­nier­ten Zwei­tei­ler mit Bonus­ma­te­rial auf Blu-ray Disc her­aus. Udo Jür­gens weiß um seine Fähig­kei­ten, doch er ist nicht so eitel, dass er in dem Roman seine Per­son allein in den Mit­tel­punkt stellt. Es beschreibt viel­mehr eine typi­sche Fami­li­en­ge­schichte des 20. Jahr­hun­derts, wie sie auch viele andere erlebt haben. Alex­andre nutzt bei der fil­mi­schen Umset­zung geschickt die Mög­lich­kei­ten des Zeit­sprungs und wech­selt immer wie­der zwi­schen den Schick­sa­len von drei Gene­ra­tio­nen der Bockel­manns, begin­nend mit Udos Groß­va­ter Hein­rich. Udo Jür­gens selbst wird von zwei Schau­spie­lern als Kind und jun­ger Musi­ker und schließ­lich von sich selbst dargestellt.

Zu Beginn sitzt er nach einem Kon­zert im Jahr 2010 in einer gro­ßen lee­ren Kon­zert­halle, als sein Mana­ger (Gun­ther Gil­lian) ihm aus­rich­tet, ein Herr Kasa­jev (Otto Tau­sig) aus Mos­kau wolle ihn spre­chen wegen der Bron­ze­sta­tue „Der Mann mit dem Fagott“. Das ist der Auf­ma­cher für den gesam­ten Film. Die Hand­lung setzt 1891 auf dem Bre­mer Weih­nachts­markt ein. Die rus­sisch klin­gende Musik eines Fagott­spie­lers (Hen­ning Stoll) fas­zi­niert Udo Jür­gens‘ Groß­va­ter, den damals 21-jährigen Hein­rich Bockel­mann (Chris­tian Ber­kel) so sehr, dass er nach Mos­kau aus­wan­dert. Im zaris­ti­schen Russ­land herrscht ein gutes Ver­hält­nis zwi­schen Deut­schen und Rus­sen. Etwa 20 Jahre spä­ter ist er Direk­tor einer ein­fluss­rei­chen Pri­vat­bank. Seine Frau Anna (Melika Forou­tan) schenkt ihm eine Bron­ze­sta­tue, die ihn an den Fagott­spie­ler aus Bre­men erin­nert. Das Fami­li­en­glück fin­det ein schnel­les Ende nach der deut­schen Kriegs­er­klä­rung an Russ­land, weil Deut­sche dort nicht mehr erwünscht sind. Mit­tels Beste­chung kann Hein­rich seine Frau und Kin­der nach Schwe­den brin­gen. Er wird als ver­meint­li­cher Spion in ein sibi­ri­sches Lager depor­tiert. Der kor­rupte Kom­man­dant (Jurij Ross­talnyj) beschafft ihm gegen Geld für das Auf­fang­la­ger einen Pas­sier­schein nach Mos­kau. Dort trifft Hein­rich wie durch ein Wun­der den Mann mit dem Fagott aus Bre­men wie­der. Er ist für ihn wie ein Talis­man, der ihm die erfolg­rei­che Flucht nach Schwe­den zu sei­ner Fami­lie ermöglicht.

Nach einem grö­ße­ren Zeit­sprung sieht man sei­nen Sohn Rudi (Ulrich Noe­then) mit sei­ner Fami­lie im Schloss Ott­ma­nach bei Kla­gen­furt als Bür­ger­meis­ter, der mit den Nazis zusam­men­ar­bei­tet. Mit wem er sich ein­ge­las­sen hat, zeigt sich, als sein zwölf­jäh­ri­ger Sohn Udo (Alex­an­der Kalo­di­kis) bei einer Wehr­übung von einem Hit­ler­jun­gen so bru­tal geschla­gen wird, dass sein lin­kes Trom­mel­fell platzt und er einen lebens­lan­gen Hör­scha­den erlei­det. Sein Vater trös­tet ihn mit der Bron­ze­sta­tue „Der Mann mit dem Fagott“, die schon ihn und sei­nen Groß­va­ter beschützt hat. Der musi­ka­li­sche Junge bringt sich Kla­vier­spie­len selbst bei, spä­ter wird er am Salz­bur­ger Mozar­teum eine klas­si­sche Musik­aus­bil­dung machen. In den Kriegs­wir­ren ver­traut Rudi Bockel­mann die Figur dem rus­si­schen Zwangs­ar­bei­ter Kasa­jev (Lenn Kudrja­wizki) an und bringt seine Fami­lie bei Ver­wand­ten in der Lüne­bur­ger Heide in Sicher­heit. Zurück in Kärn­ten kommt er als Deser­teur ins Gefäng­nis und ver­dankt sein Leben dem Kriegsende.

Mit dem Wirt­schafts­wun­der tre­ten Rudis Söhne als erfolg­rei­che Geschäfts­män­ner in die Fuß­stap­fen ihres Groß­va­ters. Nur der Künst­ler Udo (David Rott) geht sei­nen eige­nen Weg. Mitte der 50er Jahre lebt er vom Trink­geld als Bar­pia­nist in Salz­burg, wäh­rend einer USA-Reise spielt er in einem Jazz­club in Har­lem. Der von Chan­sons und Jazz inspi­rierte Udo hat eigene musi­ka­li­sche Vor­stel­lun­gen, doch eng­stir­nige Musik­pro­du­zen­ten wol­len von ihm Musik im Stil von Freddy Quinn und Peter Kraus hören. Erst der Musik­ma­na­ger Hans Bei­er­lein (Fritz Ham­mel) ermög­licht dem talen­tier­ten Kom­po­nis­ten und Sän­ger eine große Kar­riere. Durch den Gewinn des Grand Prix Euro­vi­sion de la Chan­son 1966 in Luxem­burg mit „Merci Che­rie“ erlebt Udo Jür­gens sei­nen ers­ten Kar­rier­ehö­he­punkt. Es fol­gen viele wei­tere Welt­hits wie „Sieb­zehn Jahr, blon­des Haar“ oder „Grie­chi­scher Wein“. Am Ende schließt sich der Kreis wie­der durch den Anruf des alten Bekann­ten aus Mos­kau, der ihm ein schö­nes Geschenk macht. Es ist die seit dem Krieg ver­misste Bron­ze­sta­tue „Der Mann mit dem Fagott“, die drei Gene­ra­tio­nen der Bockel­manns so viel Glück brachte.

Der TV-Zweiteiler mit einer Zeit­reise von 1891 bis heute ist so span­nend und auf­schluss­reich, weil er keine reine Udo-Jürgens-Story ist. So gibt es mit Aus­nahme sei­ner gro­ßen Jugend­liebe Gitta (Vale­rie Nie­haus), einer öster­rei­chi­schen Schau­spie­le­rin, keine Frau­en­ge­schich­ten. Die Fami­li­en­saga über drei Gene­ra­tio­nen ist ver­gleich­bar mit „Tadel­l­ö­ser und Wolf“ von Wal­ter Kem­pow­ski. Udos Groß­va­ter und Vater über­leb­ten je einen Welt­krieg wie durch ein Wun­der. Neben Glück gehört auch ein gro­ßer Wille dazu, ohne den Hein­rich Bockel­mann nicht so erfolg­reich gewor­den wäre. Sein Lebens­motto „Es gibt Situa­tio­nen im Leben, da geht man gera­de­aus und macht keine Umwege“ wird schließ­lich belohnt. Die Leis­tun­gen der Schau­spie­ler sind groß­ar­tig, beson­ders Chris­tian Ber­kel, der Udos Groß­va­ter Hein­rich dank der Mas­ken­bild­ner vom 20– bis zum 80-Jährigen spielt, außer­dem Ulrich Noe­then, der zunächst die Nazis ver­ehrt und spä­ter von ihnen gepei­nigt wird, und David Rott, der den jugend­li­chen Udo Jür­gens auf der Suche nach sei­ner musi­ka­li­schen Iden­ti­tät per­fekt imi­tiert. Der rou­ti­nierte Kame­ra­mann Ger­not Roll setzt alles per­fekt in Szene. Alle Lie­der im Film singt Udo Jür­gens selbst, außer­dem hat er die leit­mo­ti­vi­sche Titel­me­lo­die, die in vie­len Facet­ten auf­tritt, kom­po­niert. Die Figur „Der Mann mit dem Fagott“ steht noch heute als Schutz­pa­tron bei ihm zuhause. Als Extras bie­tet die Blu-ray Disc ein Making-of mit einem aus­führ­li­chen Inter­view und eine Auto­gramm­karte von Udo Jür­gens, der mit dem Ergeb­nis sehr zufrie­den und allen Betei­lig­ten außer­or­dent­lich dank­bar ist.

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