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DVD-Neuveröffentlichungen zum 100. Geburtstag von Agnes Kraus Kritik & Meinung

Die Volks­schau­spie­le­rin Agnes Kraus galt in der DDR als eine Mut­ter und Oma der Nation. Gebo­ren wurde sie am 16. Februar 1911 in Berlin-Zehlendorf. Ihre schau­spie­le­ri­sche Aus­bil­dung hatte sie in Ber­lin, spä­ter spielte sie bei den Münch­ner Kam­mer­spie­len unter Otto Fal­cken­berg, in Brandenburg/Havel und Pots­dam. 1951 holte Bert­hold Brecht sie zum Ber­li­ner Ensem­ble, wo sie nach eige­nem Bekun­den ihre schönste Künst­ler­zeit verbrachte.

Einem gro­ßen Publi­kum wurde sie ab 1969 bekannt, als sie in meist hei­te­ren Fern­seh­rol­len ein Ber­li­ner Ori­gi­nal mit List, Mut­ter­witz, Herz und Schnauze ver­kör­perte. Im wirk­li­chen Leben war sie über­haupt nicht komisch, wie sie 1983 in einem Inter­view mit Heinz Flo­rian Oer­tel in „Por­trät am Tele­fon“ im DDR-Fernsehen ver­riet (Bonus­ma­te­rial von „Mensch, Oma!“). Aus „Angst und Scheu vor dem Leben“ hat sie einst zur Schau­spie­le­rei gefun­den. Nach nicht ein­fa­chen Jah­ren der Kind­heit und Jugend erlebte sie ihre schönste Zeit im fort­ge­schrit­te­nen Alter. So kennt man sie auch am bes­ten in ihren Rol­len als Tante, Kran­ken­schwes­ter, Tier­arzt­hel­fe­rin oder Oma. Zum 100. Geburts­tag der 1995 ver­stor­be­nen Schau­spie­le­rin bringt Stu­dio Ham­burg in sei­ner Reihe „DDR TV-Archiv“ einige inter­es­sante DVD-Premieren mit Agnes Kraus. Die Älte­ren, die noch die DDR aus eige­ner Erfah­rung ken­nen, wer­den dabei viel­leicht mit Weh­mut an alte Zei­ten erin­nert. Sie kön­nen am bes­ten beur­tei­len, was hier eine idea­li­sierte „heile Welt“ und was authen­tisch ist. Die jün­ge­ren und west­deut­schen Zuschauer bekom­men einen inter­es­san­ten Geschichts­un­ter­richt über das All­tags­le­ben ganz „nor­ma­ler“ Men­schen in der DDR gebo­ten. Die künstlerisch-dramaturgische Qua­li­tät der Filme ist hoch.

Anfangs waren Fami­li­en­se­rien von der poli­ti­schen Lei­tung der DDR gar nicht gewollt. Zu groß waren die Vor­be­halte, weil ihnen durch große Erfolge im West-Fernsehen ein schlech­ter Nim­bus anhaf­tete. Weil jedoch viele DDR-Bürger west­li­che Sen­der sehen konn­ten, stand die Ost-Kulturbürokratie unter Zug­zwang, um das eigene Publi­kum nicht voll­ends an die west­li­che Kon­kur­renz zu ver­lie­ren. Im Deut­schen Fern­seh­funk wurde dafür 1969 eigens eine Abtei­lung Seri­en­pro­duk­tion gegrün­det, die es bis 1991 gab. Sie sollte dafür sor­gen, dass sich die eige­nen Serien von den west­li­chen unter­schei­den, sich an die ideo­lo­gi­schen Leit­li­nien der DDR hal­ten und so ren­ta­bel sind, dass sie auch in „Bru­der­län­der“ expor­tiert wer­den konn­ten. Eines der ers­ten Ergeb­nisse war die neun­tei­lige Fern­seh­se­rie „Dol­les Fami­li­en­al­bum“ von 1969. Wäh­rend Fami­li­en­se­rien der frü­hen 1960er Jahre eher den zeit­ge­nös­si­schen All­tag the­ma­ti­sier­ten, erzählt „Dol­les Fami­li­en­al­bum“ rück­bli­ckend von den Auf­bau­jah­ren der DDR ab 1945. Der Dreh­buch­au­tor Wer­ner Bern­hardy zeigt am Bei­spiel der Ber­li­ner Durch­schnitts­fa­mi­lie Dolle die Ver­än­de­run­gen der DDR ab 1945 über einen Zeit­raum von 20 Jah­ren. Die Pro­bleme der Fami­lie, so ernst sie auch sein mögen, wer­den dabei immer auf eine hei­tere Weise gelöst. Im Mit­tel­punkt steht Willi Dolle (Willi Nar­loch), der ein kom­men­tier­tes Foto­al­bum für sei­nen Enkel gestal­tet. Gemein­sam mit Egon Kraut­haar (Axel Trie­bel) erin­nert er sich an den müh­sa­men Auf­bau der Repu­blik. Zu den wich­ti­gen Per­so­nen im Umkreis der Fami­lie Dolle gehört Tante Minna Zie­gen­hals (Agnes Kraus) als gute Seele. Die ein­zel­nen Epi­so­den stel­len keine durch­ge­hende Hand­lung dar, son­dern eine frag­men­ta­ri­sche Fami­li­en­chro­nik. Auf­fal­lend ist, dass Willi Dolle im Krieg kein idea­li­sier­ter anti­fa­schis­ti­scher Wider­stands­kämp­fer war, son­dern ein Wehr­machts­sol­dat. Gemein­sam mit Hein Butt (Harry Hin­de­mith) von der ehe­ma­li­gen anti­fa­schis­ti­schen Initia­tiv­gruppe wird das Dol­le­sche Schüt­zen­haus in ein sozia­lis­ti­sches Kul­tur­haus verwandelt.

Anfang der 1970er Jahre setzte in der DDR ein Umden­ken bei Unter­hal­tungs­sen­dun­gen ein. Statt makel­lo­ser Sozia­lis­ten soll­ten jetzt rea­lis­ti­sche Per­so­nen mit all­täg­li­chen Pro­ble­men gezeigt wer­den. In der zehn­tei­li­gen Serie „Die lie­ben Mit­men­schen“ von 1972 spielt Frie­del Nowack die Haupt­fi­gur Carola Bären­burg. Sie erin­nert nicht nur äußer­lich an Inge Mey­sel, die damals im Wes­ten bekannt war durch „Die Unver­bes­ser­li­chen“. Beide haben eine warm­her­zige Aus­strah­lung, tra­gen das Herz auf dem rech­ten Fleck und kön­nen oft das Räso­nie­ren nicht sein las­sen. Frau Bären­burg soll bei­spiel­haft zei­gen, wie ein Mensch mit bür­ger­li­chem Hin­ter­grund sich all­mäh­lich sozia­lis­ti­sche Ver­hal­tens­wei­sen aneig­net. Agnes Kraus ver­kör­pert hier die neu­gie­rige und red­se­lige Nach­ba­rin Frau Reschke. Die meis­ten ande­ren Dar­stel­ler gehö­ren der jün­ge­ren Gene­ra­tion an. Carola Bären­burg galt in der DDR mit ihrem gesun­den Men­schen­ver­stand und ihrer hilfs­be­rei­ten Art beson­ders der Jugend als Vorbild.

Haupt­dar­stel­le­rin­nen zweier Gene­ra­tio­nen ste­hen in „Flo­ren­ti­ner 73“ von 1972 im Mit­tel­punkt. Die Ber­li­ner Zim­mer­wir­tin Frau Klu­cke (Agnes Kraus) küm­mert sich müt­ter­lich um die Haus­be­woh­ner in der Flo­ren­ti­ner Straße 73. Die schwan­gere Bri­gitte (Edda Dent­ges) möchte ihrer Mut­ter und dem Vater des künf­ti­gen Kin­des ent­kom­men und sucht ein eige­nes Zim­mer. Sie lan­det schließ­lich im unru­hi­gen Durch­gangs­zim­mer von Frau Klu­cke. Hier lernt sie all­mäh­lich die eigen­ar­ti­gen, doch lie­bens­wer­ten Haus­be­woh­ner ken­nen. Eine Witwe mit ihrem Wochen­end­freund, ein Ehe­paar mit sehn­li­chem Kin­der­wunsch und den ein­fühl­sa­men Medi­zin­stu­den­ten Wolf­gang, in den sie sich bald ver­liebt. Als sie am Ende in die Ent­bin­dungs­sta­tion gebracht wird, war schon klar, dass der Film eine Fort­set­zung braucht. „Neues aus Flo­ren­ti­ner 73“ folgte dann 1974, im Gegen­satz zum ers­ten Teil in Farbe. Die Milieu­stu­die wird fein wei­ter­ge­spon­nen. Nach der Geburt von Jose­fine tau­chen plötz­lich der Vater des Kin­des und Bri­git­tes Mut­ter auf und sor­gen für Tur­bu­len­zen. Jetzt steht sie plötz­lich zwi­schen zwei Män­nern und zwei Müt­tern. Doch mit Hilfe der Haus­be­woh­ner, allen voran ihrer Ersatz­mut­ter Klu­cke, fin­det sie her­aus, wer bes­ser zu ihr passt. Eine Dop­pel­hoch­zeit sorgt für das Happy End. Die müt­ter­li­che Rolle der Mar­ga­rete Klu­cke war spe­zi­ell für Agnes Kraus geschrie­ben. Die Ur-Berlinerin mit gro­ßer Schnauze und wei­chem Her­zen hätte kaum jemand glaub­wür­di­ger dar­stel­len kön­nen. Sie bezeich­nete sie auch als ihre schönste Rolle bis­her, denn als dau­ernde Ulk­nu­del wollte sie nicht abge­stem­pelt werden.

Viele ken­nen Agnes Kraus vor allem noch als Gemein­de­schwes­ter Agnes Feu­rig im Fern­seh­film „Schwes­ter Agnes“ von 1975. Hier zeigt sie ihr gan­zes Kön­nen auch jen­seits des komö­di­an­ti­schen Kla­mauks. In dem Dorf Krumm­bach in der Ober­lau­sitz meis­tert sie ihren anstren­gen­den Beruf mit Witz, Robust­heit und Men­schen­liebe. Mit ihrem Moped pen­delt Schwes­ter Agnes zwi­schen vier Dör­fern. Sie hat es in ihrem viel­sei­ti­gen Beruf mit Trin­kern wie ein­ge­bil­de­ten Kran­ken zu tun, und muss einer jun­gen Frau vom geplan­ten Schwan­ger­schafts­ab­bruch abra­ten. Dafür besorgt sie ihr selbst eine Woh­nung, die eigent­lich nur Ver­hei­ra­te­ten zusteht. Durch ihre bestim­mende Art bekommt sie Pro­bleme, etwa als Gemein­de­rä­tin mit dem neuen Bür­ger­meis­ter (Jochen Tho­mas). Mit der Soli­da­ri­tät der Dorf­be­woh­ner kann sie jedoch immer rech­nen, beson­ders als sie selbst die Kranke spielt und vor­gibt, in einen ande­ren Ort wech­seln zu wol­len. Es gibt hier leise, ver­hal­tene Töne und Momente, in denen hin­ter dem Komi­schen das Tra­gi­sche zum Vor­schein kommt. Auch eine unter­schwel­lige Kri­tik an den DDR-Verhältnissen ist erkenn­bar, wenn sich Schwes­ter Agnes allein und cou­ra­giert gegen Ent­schei­dun­gen von Par­tei­ka­dern durch­set­zen muss. Beim gegen­wär­ti­gen bedroh­li­chen Man­gel an Land­ärz­ten wird ernst­haft erwo­gen, wie­der sol­che Gemein­de­schwes­tern ein­zu­füh­ren, um die medi­zi­ni­sche Grund­ver­sor­gung zu gewährleisten.

In ihrer letz­ten gro­ßen Fern­seh­rolle spielte Agnes Kraus 1984 die Oma Johanna Wut­tich in der vier­tei­li­gen Serie „Mensch, Oma!“ Sie steht im Mit­tel­punkt einer Fami­li­en­ge­schichte mit drei Gene­ra­tio­nen. Auch diese Rolle ist ihr wie­der auf den Leib geschrie­ben, wenn sie sich für­sorg­lich um die Sor­gen und Nöte ihrer Kin­der und Enkel küm­mert. Zunächst muss sie sich trotz der Feier ihres 60. Geburts­tags – Agnes Kraus war damals 73 Jahre alt – um ihren ver­schwun­de­nen Enkel Ste­fan küm­mern. Dann gilt es eine „Hoch­zeit mit Hin­der­nis­sen“ eines ande­ren Enkels durch­zu­ste­hen. Im drit­ten Teil ste­hen die ein­ge­hei­ra­te­ten Kin­der im Mit­tel­punkt. Und schließ­lich geht es wie­der um Ste­fan, der seine Jugend­liebe hei­ra­ten möchte. Alle DVDs sind wie bei Stu­dio Ham­burg üblich mit infor­ma­ti­ven Book­lets ausgestattet.

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Eure Meinungen & Kommentare

  • Muckenhaupt
    14.07.11 um 22:16 Uhr
    Antworten

    Ich liebe die Agnes sie spielte so natürlich,so das man denk sie schon lange zuken­nen.
    Und in unse­rer heu­ti­gen Zeit wünscht man sich jeman­den der einen in der NOT zu Seite steht.
    Lei­der ist es nur ein Wusch und sie eine guter Schauspieler


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