Das weiße Band Kritik & Meinung
Wie kann man verhindern, dass es jemals in Deutschland wieder Faschismus gibt und dass von hier aus noch einmal ein Weltkrieg ausbricht? Am besten gelingt dies, wenn man die auslösenden Faktoren kennt und verhindert, dass sich die Geschichte noch einmal wiederholt. Eine gelungene Möglichkeit dazu bietet der Film „Das weiße Band“ von Michael Haneke von 2009, der jetzt Premiere als DVD hat.
Er zeigt in exemplarischer Weise und als abschreckendes Beispiel das Leben einer feudalen und patriarchalischen Gesellschaft in einem kleinen Dorf in Norddeutschland in den Jahren 1913/14, also kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Hier herrscht eine feudale strenge Hierarchie mit Pastor (Burkhart Klaussner), Arzt (Rainer Bock) und adligem Gutsherrn (Ulrich Tukur) als uneingeschränkten Herrschern und den Bauern, Frauen und Kindern quasi als leibeigene Untergebene. Harte Arbeit, Gottesdienste, strengste Erziehungsmethoden mit Prügelstrafe und körperlicher und seelischer Erniedrigung prägen den Alltag der Dorfgemeinschaft. Frauen haben ihren despotischen Männern zu gehorchen und die Kinder müssen früh wahrhaben, dass es im Leben nicht um zwischenmenschliche Wärme, sondern nur um die Einhaltung der Regeln geht. Wer die nicht befolgt bekommt seine Strafe und danach als Zeichen seiner „Reinheit“ ein weißes Band umgehängt. Die einzigen Personen, die etwas aus der Reihe tanzen sind der sensible Dorflehrer (Christian Friedel), dessen Stimme im Off als Erzähler fungiert und die Hebamme (Susanne Lothar), die ihr behindertes Kind alleine erzieht und den verwitweten Arzt versorgt, der sie und seine Tochter schlimm missbraucht. Etwas Wärme in den Plot bringt eine sich allmählich entwickelnde Liebesbeziehung zwischen dem Lehrer und dem 17-jährigen Kindermädchen Eva (Leonie Benesch). Im Laufe der Geschichte kommt es immer wieder zu mysteriösen Vorfällen und Verbrechen, die nie aufgeklärt werden. Der Zuschauer erfährt nichts, nur der Lehrer ahnt, wer dahinter steckt.
Diese Vorgehensweise ist auch schon in früheren Filmen typisch für Haneke, der hier erstmals einen „historischen“ Film präsentiert. Er will den Zuschauern keine Lösungen bieten, sondern sie mit Fragen „zur Selbständigkeit vergewaltigen“, wie er es nennt. Angenehm ist, dass die Gewalt nie direkt gezeigt, sondern nur angedeutet wird. Dass der aus dem katholischen Österreich stammende Regisseur gerade ein protestantisches Dorf in Mecklenburg mit seiner typischen Arbeitsethik und Moralvorstellung gewählt hat, kann kein Zufall sein. Besonders die Pastorenfamilie im Zentrum des Geschehens lebt gemäß Luthers „Deutschem Katechismus“, in dem es heißt: „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“. Die Kinder haben sich kritiklos in die strenge Ordnung von Kirche, Gesellschaft und Sittenkodex einzufügen. Dennoch wird es auch in einem oberbayerischen Dorf zu dieser Zeit kaum anders zugegangen sein.
Haneke zeigt eine unglaubliche Liebe zum historischen Detail, wenn er beim Casting von 7000 Kindern solche Gesichter auswählt, die aussehen wie auf Fotos aus der Zeit und extra Hunderte von Statisten aus Rumänien anfahren lässt, weil es im gesamten deutschsprachigen Raum keine derart ausgemergelten Bauerngesichter mehr gibt, wie er sie sich vorstellt. Kontrastreiche ruhige Schwarzweiß-Bilder prägen den Film, es gibt keine spezielle Filmmusik, sondern nur die realen Töne etwa während der Hausmusik beim Baron oder beim Singen des Luther-Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“ in der Kirche zum Abschluss, als bereits der nahende Erste Weltkrieg angekündigt wird.
Neben seinen künstlerischen Qualitäten hat der Film vor allem für Jugendliche einen nicht hoch genug einzuschätzenden didaktischen Wert. Das hier geradezu idealtypisch vorgeführte System einer Familien– und Dorfgemeinschaft mit ihren Drohungen, Demütigungen und Denunziantentum führte geradewegs in Gewalt und Terror der Weltkriege. Dass sich Gewalt fortpflanzt wird offenbar, wenn die Kinder die ihnen angetane Gewalt an noch Schwächere wie das behinderte Kind oder einen wehrlosen Vogel weitergeben. Die deutschen Sekundärtugenden wurden bereits im Film „Der Untertan“ nach Heinrich Mann beispielhaft demonstriert. Der Schwerpunkt des Haneke-Films jedoch liegt auf den Verhaltensweisen der Kinder, daher lautet sein Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“. „Das weiße Band“ ist aber alles andere als ein Kinderfilm. Erst ab 14 Jahren werden die Jugendlichen verstehen, auf was es ankommt. Somit sind auch die Eltern aufgerufen, ihre Kinder zu selbständigen und kritischen Individuen zu erziehen. Am besten eignen sich ein gemeinsames Ansehen dieses Films im Familienkreis oder in der Schule und eine anschließende Diskussion darüber. Die DVD bietet neben dem Film viele Extras, ein Making of, ein ausführliches Portrait des Regisseurs und die Präsentation bei den Filmfestspielen in Cannes, wo er die Goldene Palme gewann. Neben dieser hohen Auszeichnung gewann Haneke damit den Europäischen Filmpreis und den Golden Globe Award als bester fremdsprachiger Film, als der er auch für den diesjährigen Oscar nominiert wurde.
von Johannes Kösegi
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von Yatiker YildizUnd Dein Link?
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Soundtrack
Schauspieler
Ulrich Tukur
als The Baron-
Christian Friedel
als The School Teacher -
Leonie Benesch
als Eva









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