Fernsehklassiker von Pidax Kritik & Meinung
Seit der Einführung des Kommerzfernsehens amerikanischer Prägung haben die öffentlich-rechtlichen Sender besonders im Unterhaltungsbereich deutlich an Niveau verloren. Anspruchsvolle Fernsehspiele oder Mehrteiler über historische Ereignisse oder verfilmte Weltliteratur, die in den 1970er und 80er Jahren für volle Wohnzimmer und leere Straße sorgten, sucht man heute meist vergebens im Fernsehprogramm. Lediglich Spartensender wie einsfestival, zdf.kultur, arte, 3sat oder Bayern alpha bringen gelegentlich Wiederholungen von Fernsehklassikern.
Tochterunternehmen der öffentlich-rechtlichen Sender wie Studio Hamburg oder ZDF Enterprises vertreiben erfolgreiche DVD-Reihen wie „Große Geschichten“ (ARD) oder „Fernsehjuwelen“ (ZDF). Dennoch gibt es noch viele qualitativ hochwertige Sendungen oder Mehrteiler, die weder wiederholt wurden noch auf DVD erschienen sind.
Diese Lücke möchte die Firma Pidax film media Ltd. mit Sitzen im englischen Birmingham und im saarländischen Riegelsberg füllen. Sie bietet Raritäten von Film– und besonders Fernsehklassikern auf DVD an, die es lange nicht mehr zu sehen gab. Hohe Qualität ist die höchste Maxime der Geschäftsführer Frank Biede und Edgar Maurer. Das betrifft sowohl die künstlerischen Darbietungen als auch moderne Restaurierungsmethoden für bestmögliche Bild– und Tonqualität. Das Forum auf www.pidax-film.de bietet die Möglichkeit für Diskussionen und Vorschläge neuer Veröffentlichungen. Ein großer Vorteil dieses vergleichsweise kleinen Labels ist die Flexibilität, auch kleinere Auflagen in diesem speziellen Marktsegment zu produzieren. So gibt es für Liebhaber gute Chancen, lange ersehnte Filme oder Serien wieder einmal zu sehen. Der Vertrieb liegt in Händen der Firma S.A.D. Home Entertainment, die auch ARD Degeto oder ZDF Enterprises als Partner hat. Die Lieferungen erfolgen europaweit versandkostenfrei. Themenschwerpunkte bei Pidax sind Serien-Klassiker, Historien-Klassiker, Film-Klassiker sowie Jugend– und Kinderfilme mit dem Schwerpunkt „Augsburger Puppenkiste“. Zehn Neuerscheinungen mit Filmen und Serien aus der Zeit von 1970 bis 1986 begeistern alte Fans und werden neue Anhänger finden.
Serien-Klassiker
„Miss Molly Mill“ (1970) ist eine unterhaltsame 13-teilige Krimiserie mit der Hauptdarstellerin Inge Brück, die Deutschland 1967 beim Songcontest vertrat. Thomas Engel („Es muss nicht immer Kaviar sein“) inszenierte die amüsanten und unterhaltsamen Geschichten um eine arbeitslose Raumpflegerin. In Gastrollen gefallen Karl Schönböck, Günter Lüdke, Herbert Tiede, Albert Bessler, Fritz Tillmann, Sigrid von Richthofen, Gerda-Maria Jürgens, Karl-Heinz Kreienbaum, Gert Wiedenhofen, Karl John, Karl-Ulrich Meves und Hans-Peter Korff.
Von „Pater Brown“ (1972) mit Iffland-Ring-Träger Josef Meinrad in der Titelrolle erscheint die dritte Staffel mit den letzten 13 Folgen. Geistreich entlarvt er Gottes schwarze Schafe, ehe sein Freund Inspektor Burns (Ernst Fritz Fürbringer) zuschlagen kann. Rund um den umtriebigen Geistlichen treten viele bekannten Gaststars auf: Ruth-Maria Kubtischek, Christian Wolff, Joachim Hansen, Günther Neutze, Werner Peters, Claus Biederstaedt, Peter Fricke, Ilona Grübel, Michael Hinz, Walter Kohut, Gerd Baltus und Willy Semmelrogge. Die Inszenierung liegt in den bewährten Händen von Hans Quest und Imo Moszkowicz.
Historien-Klassiker
Fünf Jahre vor seiner umjubelten Darstellung als Mozart spielt Christoph Bantzer in „Heinrich Heine“ (1977) eine weitere kulturelle Persönlichkeit. In diesem zweiteiligen Dokumentarspiel steht der Mensch Heine mit all seinen Nöten und Schwächen im Mittelpunkt, seine Jugendzeit, Begegnungen mit Gönnern und Verlegern, das Exil in Frankreich und einsame letzte Jahre. In Nebenrollen erfreuen Ivan Desny, Rosemarie Fendel, Karl-Heinz von Hassel, Hans-Michael Rehberg und Rolf Becker.
„Ein Sonntag im Oktober“ (1979) erzählt die spannende Geschichte des Zerfalls des deutsch-ungarischen Kriegsbündnisses im Oktober 1944. Der ungarische Reichsverweser Nikolaus von Horthy will ohne das Wissen seiner deutschen Verbündeten einen Waffenstillstand mit den Russen vereinbaren. Doch er hat nicht mit Hitlers Gegenmaßnahmen gerechnet. Um den Absprung Ungarns zu verhindern, bereitet die SS einen Sturm auf die Budapester Burg vor. Es beginnt eine Schreckensherrschaft der Nazitreuen. Der Schwarz-Weiß-Film fasziniert durch die historische Präzision und erstklassige schauspielerische Leistungen von Klaus Maria Brandauer und Martin Lüttge.
„Der Fall Sylvester Matuska“ (1982) rekonstruiert einen Sprengstoffanschlag auf den Schnellzug von Budapest nach Wien im Dezember 1931 vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise. 23 Menschen werden dabei getötet und 17 schwer verletzt. Rechte und linke Gruppen weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Hauptdarsteller Michael Sarrazin verkörpert überzeugend den perfiden Mörder, dessen Beweggründe bis zuletzt im Dunkel bleiben. Ebenso prägnant sind Towje Kleiner als Ermittler und Armin Mueller-Stahl, der dem Film eine besondere Note verleiht.
Der Vierteiler „Die Flucht ohne Ende“ (1985) nach dem Roman von Joseph Roth schildert in Rückblenden das Drama des Soldaten Franz Tunda (Helmut Lohner), der im Ersten Weltkrieg in einem russischen Lager interniert wird. Nach Kriegsende wird er Rotgardist und schließt sich den Bolschewiken an. Er verliebt sich in die Kommissarin Natascha, bleibt aber letztlich ein Fremder in einem fremden Land. Regisseur Klaus Emmerich ist ein interessantes Stimmungs– und Sittenbild gelungen, das tief in die russische Seele blicken lässt. Hervorragend ist die Besetzung der Nebenrollen mit Fritz Muliar, Peter Weck und Mario Adorf.
Film-Klassiker
„Der Mann, der sich in Luft auflöste“ (1980) ist einen amüsanten und satirischen Krimi aus der Serie mit Kommissar Martin Beck. Er spielt auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs und bietet ein interessantes und spannendes Abbild des Budapester Touristenalltags in den 1980ern. Gedreht wurde die Geschichte um Geheimagenten, Rauschgift und eine Staatsaffäre an Originalschauplätzen in Stockholm und Budapest.
„Die Stunde des Léon Bisquet“ (1986) nach dem Roman von Maigret-Erfinder Georges Simenon schildert das Schicksal des Bahnbeamten Léon Bisquet (Klaus Schwarzkopf), der seit seiner Kindheit gedemütigt wird. Als eines Morgens am Bahndamm die Leiche eines Farbigen gefunden wird, ist für ihn der große Moment gekommen. Er glaubt nämlich zu wissen, dass der Mann ermordet wurde. Zwischen ihm und Kommissar Lamotte (Günter Mack) kommt es zu einem spannenden Duell. Klaus Schwarzkopf spielt großartig die vielschichtige Charakterrolle des getretenen Mannes, der mit seiner lieblosen Umwelt abrechnen will.
Fernsehfilme
„Zeugnis aus der grünen Hölle“ (1983) ist ein realistisches Dokumentarspiel mit Spielhandlung und Zeitzeugenberichten über die Häftlinge auf den Teufelsinseln in Französisch-Guyana, beruhend auf Originalberichten von Sträflingen. Zwischen 1852 und 1946 mussten französische Schwerverbrecher hier in einer Strafkolonie Schwerarbeit verrichten. Gezeigt werden unmenschliche Arbeitsbedingungen, Auseinandersetzungen mit Wärtern, Ausbruchsversuche und Hinrichtungen.
Realistischer als später in Hollywood, spannend und nicht beschönigend wurde 1984 „Titanic – Nachspiel einer Katastrophe“ anhand der Originaluntersuchungsprotokolle verfilmt. 1912 versinkt der Luxusliner nach der Kollision mit einem Eisberg. 713 Menschen überleben, 1522 Menschen kommen in den eisigen Fluten um. Die Öffentlichkeit erwartet Antworten auf die Frage, wie es zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Unter dem Vorsitz des Senators William Alden Smith (Hans Korte) will ein Untersuchungsausschuss diese Frage klären. Getragen wird der Film durch die hohe Schauspielkunst der Hauptdarsteller, allen voran Hans Korte, Arthur Brauss, Volkert Kraeft und Sigmar Solbach.
von Johannes Kösegi
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