In freier Wildbahn Kritik & Meinung
Nur wenige Menschen können von sich behaupten, sich im Reich der Wildschweine so gut auszukennen wie Heinz Meynhardt (1935–1989). Der Schwarzwildforscher und Tierfilmer war im Hauptberuf selbständiger Elektromeister in Burg bei Magdeburg. In der DDR hatte er es deshalb zunächst nicht einfach. Doch bald wurde seine Arbeit allseits anerkannt und er durfte sogar Vortragsreisen ins westliche Ausland unternehmen und seine Forschungsergebnisse vorstellen. Seine Arbeiten waren ähnlich spektakulär und bahnbrechend wie die von Konrad Lorenz mit Graugänsen oder Jane Goodall mit Schimpansen.
Meynhardt hatte zunächst Futterkontakt und später Sozialkontakt mit einer Wildschweinrotte aufgenommen. Nachdem das gelungen war, wurde er von nun an über viele Wildschweingenerationen als deren Artgenosse akzeptiert und konnte unbefangen ihr Verhalten beobachten und filmen. Als posthume Ehrung kurz nach dem 20. Todestag des bereits mit 54 Jahren verstorbenen Heinz Meynhardt erscheint jetzt bei Studio Hamburg die 3-DVD-Box „In freier Wildbahn“ mit den besten Filmen, die er zwischen 1977 bis 1983 für das DDR-Fernsehen produzierte. Fast 300 Minuten informative und amüsante Tierfilme und als Bonus Interviews mit Zeitzeugen und Wegbegleitern werden geboten. Sie sind nicht nur für Jäger und Förster interessant, alle Tierfreunde und Waldbesucher werden daran ihre Freude haben. Denn die scheuen Tiere sind am liebsten nachts aktiv und verschließen sich so dem „normalen“ Waldbesucher.
Über 15 Jahre lang besuchte der renommierte Buch-, Film– und Fernsehautor Meynhardt täglich mindestens zweimal „seine“ Schwarzwildrotte im Grabower Forst und kannte ihre Lebensgewohnheiten in freier Wildbahn so gut wie kein anderer. Durch Prägung neugeborener Frischlinge verschaffte er sich ihr Vertrauen, sodass seine Anwesenheit sogar im Schlafkessel geduldet wurde. In Untersuchungen und Experimenten fand er heraus, dass sich Schwarzwild nicht wahllos zu einer Gemeinschaft zusammenrottet, sondern hierarchisch gegliedert in Familienverbänden zusammenlebt. Von großem wissenschaftlichem Wert sind die Erkenntnisse des Amateurforschers zur Rolle der Leitbache oder zur „Sprache“ der Sauen. Der Autodidakt erhielt somit Forschungsaufträge vom Institut für Forstwirtschaft in Eberswalde. Doch selbst nach seiner Promotion an der Universität Leipzig erhielt er nicht immer die gebührende Anerkennung in der Akademiker-Klasse. Seine zahlreichen Publikationen und Vortragsreisen machten ihn nicht reich, denn den größten Teil des eingespielten Westgeldes zog der Staat ein. Es bleibt zu wünschen, dass durch diese DVDs seine Arbeit eine späte Anerkennung bekommt.
Die dreiteilige Fernsehserie „Meynhardt – Wildschwein ehrenhalber“ war in den späten 1970er-Jahren gleichermaßen beliebt in Ost– und Westdeutschland. Tierfilmer Heinz Sielmann bezeichnete die Pionierarbeiten Meynhardts als „sensationell“. Mit seinen Kommentaren lässt der Autor die Zuschauer an seiner Begeisterung teilhaben. Es geht um Fragen wie die Verständigung der Sauen in einer Rotte und Regeln in der Kinderstube der Frischlinge. Die zehnteilige Serie „Wildschweingeschichten“ wurde 1981 für das DDR-Kinderfernsehen produziert, zieht aber bis heute auch Erwachsene in ihren Bann. Typisch ist immer der Vorspann, wenn Meynhardt mit einem Eimer voller Mais einen Waldweg entlangkommt und die Schwarzkittel herbeigaloppieren. Man sieht, wie er zum ersten Mal die Leitbache berühren darf, wann sich die ansonsten außerhalb der Familie lebenden Keiler dazugesellen und wie zehn Muttersauen aus 56 Frischlingen ihre eigenen Kinder herausfinden. Ein Höhepunkt ist die Geburt von Frischlingen mitten im Winter. In dem Beitrag „Wie sich Wildschweine etwas sagen“ wird gezeigt, wie Meynhardt mit Filmkamera, Mikrophon und Tonbandgerät Experimente durchführt. Die Aufzeichnung der Sprache der Wildsauen in der Rotte gehört zu seinen wichtigsten Erkenntnissen. So deutet er die Signale der Bache an den Keiler und an ihren Nachwuchs. In „Meynhardt über Meynhardt und seine Schwarzkittel“ beschreibt der Autor seine langwährende Annäherung an die Wildschweine ab den Schwierigkeiten, beim ersten Wurf von der Bache akzeptiert zu werden. Erst nach zehn Jahren gelingt es ihm, neugeborene Frischlinge auf seine menschliche Stimme zu prägen. Im Lauf der folgenden Jahre wird er 1200 Frischlinge von über 200 Bachen an sich gewöhnen. Als Bonus enthält die dritte DVD eigens für diese Edition produzierte Interviews mit dem Tierarzt Dr. Ulrich Weber, einem engen Freund Heinz Meynhardts, und dem Jagdjournalisten Dr. Hans-Dieter Willkomm, der Meynhardts Leistung für die Jägerschaft würdigt.
Fazit: Die DVD-Edition „In freier Wildbahn“ von Studio Hamburg fasst das beeindruckende Lebenswerk von Heinz Meynhardt zusammen. Es ist ein Höhepunkt der Tierfilm-Dokumentation über das Revierverhalten, die Sprache, die Rauschzeit der Schwarzkittel und viele weitere Details über das Leben in der Rotte. Spannend, humorvoll und sachkundig stellt er die Lebensweise der Sauen vor. Durch seine langjährigen Forschungsarbeiten zum Verhalten des Schwarzwildes veränderte sich das Verständnis bei Naturfreunden, Biologen und Jägern. Als international anerkannter Verhaltensforscher gelang es ihm wie Konrad Lorenz, als Leittier eine Tiergattung näher zu erforschen. Wie Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek bietet Heinz Meynhardt eine gelungene Mischung aus Information und Unterhaltung. Seine Erkenntnisse leiteten ein Umdenken im Umgang mit dem Schwarzwild ein. Jäger erhalten wichtige Hinweise zur Hege, Wildschadensverhütung und Bejagung von Schwarzwild.
von Johannes Kösegi
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