Jud Süß — Film ohne Gewissen Kritik & Meinung
Nach „Der Untergang“ rührt erneut ein deutscher Spielfilm an einem Tabuthema aus der Zeit des Dritten Reiches. In „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ zeigt Oskar Roehler („Elementarteilchen“) die Umstände der Entstehung eines Propagandafilmes gegen die Juden. Die Koproduktion aus Deutschland und Österreich erscheint jetzt bei Concorde Home Entertainment auf DVD und Blu-ray Disc. Früh erkennt der Filmfan und Propagandaminister Joseph Goebbels die manipulative Macht der Bilder.
Neben dem pseudodokumentarischen Film „Der ewige Jude“, in dem die Juden wie auszurottendes Ungeziefer dargestellt sind, wird der Spielfilm „Jud Süß“ zum berüchtigtsten, meistzitierten und folgenreichsten Propagandafilm des Dritten Reiches. SS-Trupps bekommen ihn gezeigt, bevor sie gegen Juden eingesetzt werden. Dem Regisseur Veit Harlan wird nach 1945 der Prozess gemacht. Er endet mit einem Freispruch, weil nicht nachgewiesen werden kann, ob er zu dieser Inszenierung gezwungen wurde. Ohne Zweifel verfälscht dieser Kostümfilm die historische Wahrheit, um Hass gegen die Juden zu schüren. Dabei werden bewusst Gefühle und niedere Instinkte angesprochen. Eine Schlüsselszene ist die Vergewaltigung der blonden Deutschen (Kristina Söderbaum) durch den Juden Süß-Oppenheimer (Ferdinand Marian). Diese Anschuldigung der Verunreinigung des christlichen Blutes durch Juden gibt es auch in der Inquisition der römischen Kirche. Der Hauptdarsteller Ferdinand Marian sagt nachher im Prozess zu seiner Entschuldigung, dass er den Juden so sympathisch wie möglich darstellen wollte.
Roehlers Spielfilm zeigt in koloriert wirkenden Bildern Ferdinand Marian (Tobias Moretti) eher passiv als eine Marionette von Goebbels (Moritz Bleibtreu). Der mäßig erfolgreiche österreichische Schauspieler wird vom Propagandaminister mit Drohungen und Versprechungen dazu gebracht, die Titelrolle in „Jud Süß“ unter der Regie von Veit Harlan (Justus von Dohnányi) zu übernehmen, nachdem bekannte UFA-Stars wie Emil Jannings, Gustav Gründgens und Paul Dahlke eine Mitarbeit abgelehnt hatten. Vor allem wegen seiner halbjüdischen Frau Anna (Martina Gedeck) hat Marian anfangs große Einwände gegen die Rolle. Im Film „Jud Süß“ (1940) lässt sich der Herzog von Württemberg vom Juden Süß-Oppenheimer sein ausschweifendes Leben finanzieren. Dafür hebt er den Judenbann auf mit der Folge, dass jetzt von überall her Juden nach Württemberg strömen. Süß-Oppenheimer wird hier gemäß der antisemitischen NS-Ideologie als geldgieriger Opportunist hingestellt, der auch vor der Vergewaltigung einer „arischen“ Frau nicht zurückschreckt. Mit dieser Rolle feiert Marian beim Publikum seinen größten Erfolg. Dafür muss er allerdings einen hohen Preis zahlen und sich von dem unmenschlichen Regime instrumentalisieren lassen. Eine Entscheidung, die sein weiteres Leben bis zum rätselhaften Tod überschatten wird. Bis zum Kriegsende haben 20 Millionen Menschen in Deutschland und im besetzten Europa diesen Film gesehen. Während der Vorführungen kommt es öfters zu Demonstrationen gegen die Juden.
In Roehlers Film geht es um die Rolle der Bühnen– und Filmkünstler in einem totalitären Regime, den Mechanismen der Manipulation und der persönlichen Verantwortung des Einzelnen. Viele bekannte Stars wie Marika Rökk, Paul Hörbiger, Heinz Rühmann, Heinrich George oder Hans Moser ließen sich mehr oder weniger vor den Karren der politischen Machthaber spannen. Andere wie Marlene Dietrich kehrten dem Spuk den Rücken und wanderten aus. Die schauspielerischen Leistungen vor allem von Tobias Moretti sind beachtlich. Moritz Bleibtreu, bekannt als idealer Selbstdarsteller und Verwandlungskünstler, überzeichnet Goebbels etwas zur Karikatur. Aber wirkten seine Auftritte in der Wirklichkeit nicht auch meist wie eine Realsatire? Der Film ist für die Nachgeborenen eine historische Lehrstunde aus dieser schlimmen Zeit jenseits von Führerbunker und Schlachtfeldern. Denn die Kunst im Dritten Reich wurde bisher fast gar nicht in derartigen Spielfilmen beachtet.
Als Extras gibt es neben dem Making-of und Interviews die Dokumentation „Verführung und Verbrechen – Propagandafilme im Dritten Reich“, in der die Wirkung der nationalsozialistischen Filmpropaganda in historischem Filmmaterial, Gesprächen mit Zeitzeugen und Historikern vorgestellt wird. Auch Friedrich Knilli kommt zu Wort, dessen Marian-Biografie „Ich war Jud Süß – die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian“ neben Gerichtsprotokollen aus dem Verfahren gegen Veit Harlan als Vorlage für den Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ diente.
von Johannes Kösegi
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Soundtrack
Schauspieler
Tobias Moretti
Moritz Bleibtreu
Martina Gedeck
Justus von Dohnányi











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