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Leningrad — Die Blockade Kritik & Meinung

Kriegs­filme zei­gen neben rei­nen Schlach­ten­dar­stel­lun­gen gerne die Sicht der Opfer unter der Zivil­be­völ­ke­rung. Das dient der Abschre­ckung und lässt Raum für zwi­schen­mensch­li­che Geschich­ten am Rande des schreck­li­chen Gesche­hens. In Deutsch­land hat beson­ders die Firma Team­worx mit „Dres­den“, „Die Luft­brü­cke“ und „Die Flucht“ Stoffe aus der Kriegs– und Nach­kriegs­zeit mit erfun­de­nen pri­va­ten Drei­ecks­ge­schich­ten ver­filmt. „Sta­lin­grad“ von Joseph Vils­maier zeigt das Elend der deut­schen Sol­da­ten in der schlimms­ten Schlacht im Osten.

Dass es in Russ­land aber ein noch weit grö­ße­res Elend gab, erfuhr man bis­her in Spiel­fil­men kaum.
Die russisch-englische Pro­duk­tion „Lenin­grad – Die Blo­ckade“ zeigt das wahr­schein­lich schlimmste Kriegs­ver­bre­chen der Deutschen.

1941 errich­te­ten Hit­lers Trup­pen für fast 900 Tage eine Blo­ckade um die 5-Millionen-Stadt Lenin­grad. Dabei ver­lo­ren 1,5 Mil­lio­nen Men­schen ihr Leben, die meis­ten ver­hun­ger­ten. Nur wenige aus­län­di­sche Repor­ter wur­den Zeuge davon. Selbst rus­si­sche Ver­fil­mun­gen die­ses Dra­mas gab es bis­her kaum. Der Grund geht auf Sta­lin zurück. Er hatte damals die Blo­ckade weit­ge­hend igno­riert und hätte sie viel frü­her been­den kön­nen. In Lenin­grad gab es talen­tierte und unab­hän­gige Den­ker, die ihm zuwi­der waren.
Nach dem Krieg errich­te­ten die Lenin­gra­der ein Gedenk­mu­seum zur Bela­ge­rung, das von Sta­lin wie­der geschlos­sen wurde. Auch nach sei­nem Tod gab es lange Zeit keine Filme und Bücher über die­ses dunkle Kapi­tel – gefragt waren Kriegs­filme, die die Hel­den­ta­ten der Roten Armee verherrlichten.

Erst 2009 kann Regis­seur Aleksandr Buravsky mit die­sem Independent-Antikriegsfilm ohne Schlach­ten­sze­nen das Elend der Lenin­gra­der Bevöl­ke­rung wäh­rend der Blo­ckade zei­gen. Die deut­schen Pei­ni­ger sieht man nur aus Sicht hoher Gene­räle – Hit­ler ist auch kurz zu erken­nen – und im Flug­zeug bei den Luft­an­grif­fen.
Der Authen­ti­zi­tät wegen wur­den Armin Mueller-Stahl, Chris­tian Ber­kel und Alex­an­der Beyer als deutsch­spre­chende Nazi-Generäle besetzt. In das Gesche­hen ist eine fik­tive Geschichte ein­ge­baut, um einen Hand­lungs­fa­den zu bekom­men. Im Mit­tel­punkt ste­hen die junge hoch­mo­ti­vierte rus­si­sche Poli­zis­tin Nina Tsvet­kova (Olga Sutulova) und die eng­li­sche Kriegs­re­por­te­rin Kate Davis (Mira Sor­vino), die als ein­zige einen Flie­ger­an­griff auf einen Jour­na­lis­ten­kon­voi über­lebt. Beide ler­nen sich im bela­ger­ten Lenin­grad ken­nen. Kate fin­det Unter­schlupf bei einer Künst­ler­fa­mi­lie und küm­mert sich um die bei­den Kin­der. Zusam­men kämp­fen sie um das täg­li­che Über­le­ben in einer Hölle aus Hun­ger, Kälte und Krieg, wo nur die Star­ken und Lis­ti­gen beste­hen kön­nen. Denn das Essen wird ratio­niert, von anfangs 300 Gramm Brot am Tag auf schließ­lich 125 Gramm. Trotz die­ses Elends haben die Lenin­gra­der ihre Kul­tur nicht ver­lo­ren. Sie spie­len Thea­ter und Schach oder kom­po­nie­ren Musik, wie Schosta­ko­witsch seine berühmte siebte Sin­fo­nie.
Kates Leben ist schließ­lich dop­pelt gefähr­det, als die Rus­sen erfah­ren, dass ihr nach Eng­land aus­ge­wan­der­ter Vater ein Weiß­gar­dist und „Ver­rä­ter der Revo­lu­tion“ war. Sie sehen Kate als Spio­nin und trach­ten ihr nach dem Leben. Trotz eines fal­schen Pas­ses, den ihr Nina beschafft hat und der sie als spa­ni­sche Anti­fa­schis­tin aus­gibt, und obwohl sie als tot gemel­det wurde, wird sie stän­dig ver­folgt. Schließ­lich gelingt vie­len die Flucht über den zuge­fro­re­nen Lado­ga­see. Kate hätte von einem eng­li­schen Lands­mann aus­ge­flo­gen wer­den kön­nen, zieht es aber vor, nach Lenin­grad zurückzukehren.

Am Ende erfährt man, dass sie wie viele nach Sibi­rien umge­sie­delt wurde und glück­lich damit ist, dass sie in dem Land ihrer Väter blei­ben konnte. Ohne der­art kon­stru­ierte, teils auch sen­ti­men­tale Geschich­ten kom­men fik­tive Filme kaum aus, denn sie sor­gen für Span­nung und Mit­ge­fühl.
Unab­hän­gig davon ist es dem Film gelun­gen, in der Män­ner­do­mäne Krieg zwei starke Frauen­per­sön­lich­kei­ten und ihre Kon­flikte in den Mit­tel­punkt zu stel­len und neben­bei an eines der schlimms­ten Kapi­tel des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts zu erin­nern, das bis­her noch viel zu wenig Beach­tung fand.

Das reich­hal­tige Bonus­ma­te­rial zeigt im Making of, dass das Ver­hält­nis der bei­den Haupt­dar­stel­le­rin­nen bei den Dreh­ar­bei­ten nicht immer pro­blem­los war, denn sie stam­men aus total ver­schie­de­nen künst­le­ri­schen Tra­di­tio­nen. Der Regis­seur Buravsky sagt im Inter­view, dass der Film nur einen klei­nen Aus­schnitt die­ser Tra­gö­die zei­gen kann, die in Wirk­lich­keit unvor­stell­bar schlim­mer war.

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