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MELANCHOLIA Kritik & Meinung

Zu Lars von Triers neuem Film gibt es eigent­lich kaum etwas zu sagen, und zwar nicht nur, weil seine Sym­bo­lik bere­det genug ist, son­dern alles Gesagte kläg­lich hin­ter dem zurück­blei­ben muss, was einem nach dem Kino­be­such noch mehr vor­kommt wie ein blo­ßes Traumgebilde.

Was soll man auch groß Worte ver­lie­ren über diese gemäl­de­ar­ti­gen Bil­der von so rät­sel­haf­ter Schön­heit und unheim­li­cher Pro­phe­tie, als hätte sie ein dunk­ler  Unglücks­dä­mon selbst geträumt? Wenn Inter­pre­ta­tion die Rache des Intel­lekts an der Kunst ist, wie Susan Sonn­tag ein­mal geschrie­ben hat, so hege ich kei­ner­lei Rache­ge­lüste: Ich gebe mich völ­lig geschla­gen. (Ande­rer­seits ver­stehe ich jetzt bes­ser, wieso Tho­mas Mann Wag­ners Musik­drama Tris­tan und Isolde als mor­bi­des Werk bezeich­net und vor des­sen „sinnlich-übersinnlichen Inbrunst“ gewarnt hat, denn genau die­selbe Sog­wir­kung ent­fal­ten Triers Traum­bil­der: sie spin­nen ein, zie­hen in Bann und wir­ken in ihrer unheimlich-übernatürlichen Spra­che hyp­no­tisch). Außer­dem gebie­tet bei Melan­cho­lia schon fast der Anstand das Schwei­gen, immer­hin ist man gerade erst gestor­ben. Die­ser Schlus­s­ef­fekt – lust­voll kal­ku­liert wie der Depres­sive sei­nen Selbst­mord – ver­fehlt nicht seine Wir­kung und viel­leicht ist dies auch der Grund für die­sen eigen­tüm­li­chen Man­gel an Gesprächbedarf.

Sieht man vom tra­gen­den Ele­ment des Hand­lungs­ge­sche­hens ein­mal ab – die Gegen­über­stel­lung des unglei­chen Schwes­tern­paa­res Claire (Char­lotte Gains­bourg) und Jus­tine (Kirs­ten Dunst) –,bleibt letz­ten Endes nur das Ende: der Tod, der nie gegen­wär­tig ist, im Film wird er kurz als Zukünf­ti­ges, worin wohl seine Essenz liegt, auf­ge­ho­ben. Im Film – in der Wirk­lich­keit steht die­ser Augen­blick noch jedem bevor. Natür­lich nicht als Welt­un­ter­gang, son­dern höchs­tens als Unfall, wahr­schein­lich stirbt man an einer Krank­heit oder von mir aus an Alters­schwä­che, aber was macht das schon für einen Unter­schied? Wenn ich sterbe, geht mit mei­ner auch die Welt als sol­che unter, Sub­jek­ti­ves und Objek­ti­ves fal­len in eins und so ist auch in Melan­cho­lia Astro­lo­gie zugleich Astro­no­mie, Ein­zel­schick­sal Welt­schick­sal. Hin­ter Jus­ti­nes Depres­sion ver­birgt sich eine fast unmensch­li­che Gleich-Gleichgültigkeit wie der tod­brin­gende Pla­net hin­ter der Sonne – ohne diese Dop­pel­sin­nig­keit würde Triers Film eine ent­schei­dende Inter­pre­ta­ti­ons­ebene feh­len. „Ja, manch­mal ist es von Vor­teil, so zu sein wie ich“, bestä­tigt Jus­tine eine unsi­chere Ver­mu­tung ihrer Schwes­ter – halb Frage, halb Aus­sa­ge­satz. Denn kann Claire das ernst­haft behaup­ten nach allem, was sie gese­hen hat: die im Traum von Spin­nen­we­ben umwo­bene Jus­tine, die Jus­tine, die sich dann auch in Wirk­lich­keit kaum einen Zen­ti­me­ter mehr bewe­gen kann und erst zu Tisch kommt, als ihr Lieb­lings­es­sen dort auf sie war­tet, doch zum Ent­set­zen aller nach Asche schmeckt? Aber sie hat auch gese­hen – Claire ist als Dop­pel­gän­ge­rin ja zugleich refle­xive und mora­li­sche Spie­ge­lin­stanz ihrer trieb­ver­haf­te­ten Schwes­ter – , wie Jus­tine sich split­ter­nackt in der Nacht in dem Licht des Pla­ne­ten geba­det hat! Wie kann man den nur Tod lie­ben und ihn her­bei­se­hen? Für Claire bleibt er unan­nehm­bar, der Todes­ge­danke sprengt ihr Bewusst­sein. Der Gleich­mut ihrer Schwes­ter bleibt ihr so unver­ständ­lich, ihre uner­schüt­ter­li­che Gewiss­heit erschüt­tert sie. Hier ist Jus­tine die Helle, die Hell­sich­tige, die sich kei­ner­lei Illu­sio­nen über die Unaus­weich­lich­keit einer töd­li­chen Kol­li­sion mit dem frem­den Pla­ne­ten macht. An der Melan­cho­lie zu lei­den, schreibt Ser­gio Ben­ve­nuto, „bedeu­tet zu einem Leben ohne Aus­sicht auf Täu­schung ver­ur­teilt zu sein, weil sie den Gesichts­punkt des ent-täuschenden Todes ein­nimmt. Für den, der bereits tot zu sein glaubt, ist das Leben eine Illu­sion, eine unnütze Lei­den­schaft.“ An die­ser Stelle spielt von Trier die Melan­cho­lie als Form der Objek­ti­vi­tät gegen die Rea­li­täts­ver­zer­rung der Opti­mis­ten aus: Depres­sive haben ja (wie Unter­su­chun­gen der kogni­ti­ven Psy­cho­lo­gie nahe legen) eine viel prä­zi­sere Wahr­neh­mung der Rea­li­tät, wäh­rend sich opti­mis­ti­sche Men­schen gern mal über­schät­zen. So kommt es auch, dass sich Clai­res Ehe­mann (Kie­fer Suther­land), der doch stets die größte Sicher­heit ange­sichts der dro­hen­den Kata­stro­phe ver­mit­telt, letzt­end­lich sei­ner Auf­gabe, Frau und Kind in der Todes­angst bei­seite zu ste­hen, ent­zieht – und dies ist im übri­gen der letzte Sinn, den es in Triers Welt­un­ter­gangs­sze­na­rio über­haupt noch gibt: für den Ande­ren da zu sein, seine Hand zu hal­ten. Dass nun Jus­tine diese Auf­gabe anstelle ihrer Schwes­ter über­nimmt und sich ihrem Sohn für­sorg­lich zuwen­det, stellt eine über­ra­schende Wen­dung im Film­ver­lauf dar, hat sie doch im ers­ten Teil alle an sich gestell­ten Erwar­tun­gen mit selbst­quä­le­ri­scher Lei­dens­sucht zu ent­täu­schen gewusst. Dass sie dem Tod aber nun so gefasst ins Auge blickt, ver­leiht ihr zum Schluss eine dunkle Würde.

Diese letz­ten Bil­der blei­ben: wie Jus­tine, Claire und ihr Sohn in der „magi­schen Höhle“ sit­zen und sich bei den Hän­den hal­ten – eine ganze phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie fin­det sich hier visu­ell zusam­men­ge­fasst: die Gewor­fen­heit, die Hei­mat­lo­sig­keit des Men­schen gegen­über einer ihm fremd blei­ben­den Welt, die in ein paar Sekun­den für immer aus­ge­löscht sein wird. Im Ster­ben ist jeder auf sich selbst als Ein­zel­exis­tenz zurück­ge­wor­fen und dass Claire kurz vor der Kol­li­sion mit Melan­cho­lia ihr Kind los­lässt, um die Hände schüt­zend vor ihr eige­nes Gesicht zu legen, treibt Trä­nen in die Augen. Zu grau­sam und glaub­wür­dig macht ihr Gesichts­aus­druck, dass der Tod nicht das Ende, son­dern nicht enden­kön­nen­des Enden ist.

Noch sind wir nicht gestor­ben und wenn im Kino­saal das Licht angeht, erbli­cken wir den Ande­ren, dem auch die Trä­nen in den Augen stehn. Melan­cho­lie ist ein bru­ta­ler, aber sehr wah­rer Film, und diese Wahr­heit wird im Schwei­gen unter­grün­dig fort­ge­setzt. Irgend­wann redet man wie­der mit­ein­an­der, um mit jener Wahr­heit zu bre­chen. Blie­ben wir stumm, wür­den wir selbst nun immer mehr einem kal­ten und erlo­sche­nen Stern gleichen.

Im Falle des depres­si­ven Regis­seurs scheint es sich aber wohl eher um eine natür­li­che (dià phý­sin) als um eine krank­hafte (dià nóson) Melan­cho­lie zu han­deln. Denn Aris­to­te­les zufolge ver­mag die schwarze Galle nur in der rich­ti­gen Dosie­rung und Tem­pe­ra­tur zu her­aus­ra­gen­den Leis­tun­gen befähigen.

von Martin Sieber

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Eure Meinungen & Kommentare

  • Bollywood Lover Girl
    mag ich und war drin :)

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