Filme.Kino.DVD
Kinofilmer bei Twitter Kinofilmer bei Twitter

Mozarts Don Giovanni Kritik & Meinung

Zwei mar­kante Ereig­nisse prä­gen den Spät­som­mer 1961 in Ber­lin. Am 13. August beginnt der Bau der Mauer, am 24. Sep­tem­ber wird im West­teil der Stadt die Deut­sche Oper Ber­lin eröff­net. Sie ist in vier Jah­ren mit einem Kos­ten­auf­wand von 30 Mil­lio­nen DM in der Bis­marck­straße erbaut wor­den, wo bereits vor dem Krieg ein Opern­haus stand. Das Werk des Archi­tek­ten Fritz Bor­ne­mann wird oft als nüch­ter­ner Zweck­bau mit dem Charme einer Bahn­hofs­halle beschrie­ben, die erst­klas­sige Akus­tik jedoch braucht beson­ders für das große Reper­toire des 19. und 20.

Jahr­hun­derts den Ver­gleich mit Tra­di­ti­ons­häu­sern in Wien, Mai­land oder Dres­den nicht scheuen. Zusam­men mit der etwas spä­ter von Hans Scha­roun erbau­ten Phil­har­mo­nie hat Ber­lin somit zwei erst­klas­sige Häu­ser für Opern– und Kon­zer­tauf­füh­run­gen. Zur Eröff­nung des neuen Opern­hau­ses wird Mozarts „Don Gio­vanni“ unter der Regie des schei­den­den Inten­dan­ten Carl Ebert auf­ge­führt. Die Pre­miere mit 1900 Zuschau­ern unter Bei­sein des Bun­des­prä­si­den­ten und Regie­ren­den Bür­ger­meis­ters gleicht einem Staats­akt. Ferenc Fric­say kehrt in die Stadt sei­ner ers­ten Erfolge als Opern­di­ri­gent und gleich­zei­tig als musi­ka­li­scher Bera­ter der Deut­schen Oper Ber­lin zurück. Zeit­gleich mit der Pre­miere am 24. Sep­tem­ber wird die auf­ge­zeich­nete Gene­ral­probe vom 23. Sep­tem­ber 1961 deutsch­land­weit im Fern­se­hen aus­ge­strahlt. Zum 50-jährigen Jubi­läum der Eröff­nungs­vor­stel­lung ver­öf­fent­li­chen Art­haus Musik und die Deut­sche Oper Ber­lin die restau­rierte Fern­seh­auf­zeich­nung erst­mals auf DVD. Sie ist im Fach­han­del, im Inter­net und im Shop Musik & Lite­ra­tur in der Deut­schen Oper Ber­lin erhältlich.

Mit einem Orches­ter­gra­ben für 100 Musi­ker und einer rie­si­gen Bühne hätte man zur Eröff­nung eines reprä­sen­ta­ti­ven Neu­baus eigent­lich Wag­ners „Meis­ter­sin­ger“ erwar­tet. Doch man will bewusst Prunk und Smo­king ver­mei­den. Das neue Opern­haus soll eine Begeg­nungs­stätte für alle sein, in der es um Kunst geht und nicht um Reprä­sen­ta­tion. Und so wählt man zur Ein­wei­hung als eine große Her­aus­for­de­rung Mozarts schwie­rigste Oper „Don Gio­vanni“. Sie ist ein „Dramma gio­coso“, ein hei­te­res Drama als Mischung von Buffa und Seria. Mozarts psy­cho­lo­gi­sche Cha­rak­te­ri­sie­rungs­kunst erreicht hier ihren Höhe­punkt. Aus den gegen­sätz­li­chen Ele­men­ten der Buffa und Seria, der Com­me­dia dell’Arte und der Cha­rak­ter­tra­gö­die ent­steht ein Kunst­werk von klas­si­scher Voll­en­dung der inne­ren und äuße­ren Form. Don Gio­vanni ist Ver­füh­rer und Wüst­ling zugleich, eine Art „spa­ni­scher Faust“. Stimm­lich und dar­stel­le­risch ist seine Rolle eine der schwie­rigs­ten Par­tien der Opernliteratur.

Es ist seit 1916 bereits die sechste Insze­nie­rung die­ses Opern-Krimis in Berlin-Charlottenburg. Der fran­zö­si­sche Büh­nen­bild­ner Geor­ges Wak­he­vitch bie­tet dem Ort der Hand­lung gemäß eine spa­ni­sche Kulisse mit oft düs­te­ren Bil­dern. Eine zen­trale Treppe ist ideal für Duette und grö­ßere Ensem­bles. Die bun­ten Kos­tüme und Bild­mo­tive las­sen sich auch bei der Schwarz-Weiß-Aufzeichnung gut erah­nen. Ferenc Fric­say sorgt für einen trans­pa­ren­ten und zurück­hal­ten­den Orches­ter­klang, der die Sän­ger fein­füh­lig beglei­tet und ihnen genü­gend Atem lässt. Unter ihnen ragt beson­ders Diet­rich Fischer-Dieskau her­aus, der beste Lied­in­ter­pret des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, der seine statt­li­che Erschei­nung und stimm­li­che Prä­senz auch auf der Opern­bühne präch­tig in Szene zu setz­ten weiß. Mit viel Lei­den­schaft und Bril­lanz (Champagner-Arie) ver­kör­pert er die viel­schich­tige Titel­rolle als Feu­dal­herr, Lieb­ha­ber, Komö­di­ant und Mör­der. Sein vir­tuo­ser Gegen­spie­ler ist Wal­ter Berry als Lepo­rello mit einer makel­lo­sen Vor­stel­lung (Register-Arie). Josef Greindl als gespens­ti­scher Kom­tur über­zeugt mit sei­ner pro­fun­den Bass­stimme und der junge Ame­ri­ka­ner Donald Grobe als Don Otta­vio mit sei­ner lyri­schen Tenor­stimme, die an Geschmei­dig­keit der Kan­ti­lene wie an Mühe­lo­sig­keit der Kolo­ra­tur ihres­glei­chen sucht. Die drei gro­ßen Frau­en­rol­len – Erika Köth mit dem her­bem Reiz des Bau­ern­mäd­chens Zer­lina, Pilar Loren­gar mit lyri­scher Süße als Donna Elvira und Eli­sa­beth Grüm­mer mit viel Gefühl als Donna Anna – ste­hen den Män­ner nicht nach.

Inten­dant Carl Ebert ver­mei­det eine modern-abstrakte Insze­nie­rung und erreicht in einer baro­cken Umge­bung den nöti­gen Schwe­be­zu­stand zwi­schen Tra­gik und Komik. Das unver­gleich­li­che Sän­ger­en­sem­ble lässt einige tech­ni­sche Män­gel des his­to­ri­schen Doku­men­tes mit teils kör­ni­gen Schwarz-Weiß-Bildern und gut restau­rier­tem Mono-Klang leicht ver­ges­sen. Auch dass in deut­scher Spra­che und nicht im ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal gesun­gen wird, ist bei der stimm­li­chen Qua­li­tät die­ser legen­dä­ren Beset­zung zweitrangig.

von

Shopping

Eure Meinungen & Kommentare

    Wie findest Du den Film "Mozarts Don Giovanni"? Wir freuen uns auf Deine Meinung!

    ?
    DU