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Oscar Peterson — Easter Suite Kritik & Meinung

Spä­tes­tens seit dem Mit­tel­al­ter gilt die dra­ma­ti­sche Pas­sion Jesu als die meist­ver­tonte bib­li­sche Geschichte in der Musik­ge­schichte. Ihren Höhe­punkt erreicht diese Tra­di­tion in Bachs Pas­sio­nen. Weni­ger bekannt ist, dass im 20. Jahr­hun­dert einige Jazz­mu­si­ker sich die­ses The­mas annah­men. Dar­un­ter war auch der für viele größte Jazz­pia­nist aller Zei­ten, der Kana­dier Oscar Peter­son (1925–2007). Kaum ein Jazz­mu­si­ker hat so viele CDs und LPs auf­ge­nom­men wie er, den­noch gab es seine „Eas­ter Suite“ noch nie auf einem Tonträger.

Art­haus Musik bringt jetzt fast 20 Jahre nach der Urauf­füh­rung im Rah­men der „South Bank Show“ der bri­ti­schen BBC die­ses ein­ma­lige Doku­ment erst­mals in her­vor­ra­gen­der Bild– und Ton­qua­li­tät auf DVD her­aus. So lässt sich der hünen­hafte Pia­nist beob­ach­ten, wie er mit sei­nen lan­gen Fin­gern geschmei­dig über die Tas­ten glei­tet, von lang­sa­men gefühl­vol­len Akkord­bal­lun­gen bis zu aber­wit­zig schnel­len Läu­fen. Hier wird deut­lich, dass Peter­son eine solide klas­si­sche Grund­aus­bil­dung mit der Tech­nik eines Liszt und Cho­pin bekom­men hat. Es gibt sogar eine direkte Linie über sei­nen Leh­rer, einem Enkel­schü­ler von Liszt. Er lernte die Fin­ger­ge­läu­fig­keit durch Chopin-Etüden, den Kon­tra­punkt von Bach und die Har­mo­nik von Debussy. All diese Tech­ni­ken gehen in sei­nen groß­ar­ti­gen Impro­vi­sa­tio­nen ein, wenn auch meist eine reine Jazz­har­mo­nik vor­herrscht. Außer Art Tatum, dem gro­ßen Vor­bild Peter­sons, hatte wohl kein Jazz­pia­nist jemals eine so starke linke Hand. Seine Trio­part­ner, der däni­sche Bas­sist Niels-Hennig Ørstedt Peder­sen und Mar­tin Drew am Schlag­zeug ver­ste­hen sich mit dem Meis­ter am Kla­vier blind­lings bei den Improvisationen.

In den neun Sät­zen sei­ner „Easter-Suite“, die viele Quel­len als Peter­sons Haupt­werk sehen, wer­den ähn­lich einem Kreuz­weg, ver­schie­dene Sta­tio­nen von Jesu Lei­den vom letz­ten Abend­mahl bis zur Auf­er­ste­hung rein instru­men­tal, ohne Worte und Gesang, umge­setzt. Auf­fal­lend ist beson­ders in den lang­sa­men Epi­so­den eine fast reli­giöse Melo­die­füh­rung. Peter­sons frühe kir­chen­mu­si­ka­li­sche Pra­xis mit Gos­pel­mu­sik kommt hier zum Vor­schein. „Warum hast Du mich ver­ra­ten“ beginnt mit klassisch-romantischen Har­mo­nien und geht dann all­mäh­lich in eine Jazz-Ballade über. Dra­ma­ti­scher Höhe­punkt ist „Der Pro­zess“, ein­ge­lei­tet von einem mili­tä­ri­schen Trommel-Solo, und durch­setzt mit osti­na­ten Bäs­sen und Bach­schen Sequen­zen. Musi­ka­li­sche Dia­loge unter den drei Musi­kern las­sen auch ohne Worte die Dra­ma­tik die­ser Sze­nen erken­nen. Wie ein glor­rei­ches Hal­le­luja wirkt nach der vie­len Dra­ma­tik der abschlie­ßende Satz „Er ist auf­er­stan­den“. Nach leb­haf­ten Läu­fen auf dem Bösendorfer-Flügel endet der Satz mit einem lau­ten Tre­molo und Glis­sando. Die Licht­dra­ma­tur­gie im Stu­dio wurde durch ver­schie­dene Farb­wir­kun­gen den jewei­li­gen Stim­mun­gen angepasst.

Außer dem BBC-Mitschnitt der Urauf­füh­rung ist als Ein­füh­rung ein Gespräch mit Oscar Peter­son und sei­nen bei­den Kol­le­gen über die Moti­va­tion und Ent­ste­hung die­ses ein­zig­ar­ti­gen Wer­kes geist­li­cher Jazz­mu­sik zu sehen. Peter­son hat sich bei der Kom­po­si­tion nicht auf klas­si­sche Vor­bil­der beru­fen, son­dern sei­ner eige­nen Inspi­ra­tion freien Lauf gelas­sen. Ursprüng­lich sei er skep­tisch gewe­sen, ein sol­ches Thema im Auf­trag der BBC jaz­zar­tig zu ver­to­nen. Heute kann man hin­zu­fü­gen, dass man froh sein kann, dass er es dann doch getan hat. Denn die Qua­li­tät und der Erfolg geben ihm Recht. Es ist ein auch in Peter­sons rie­si­gem Auf­nah­me­ar­chiv ein­ma­li­ges Werk eines groß­ar­ti­gen und unver­gleich­li­chen Künstlers.

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