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Polizeiruf 110 – Box 4: 1974-1975 Kritik & Meinung

Die erfolgreichste Reihe des DDR-Fernsehens war „Polizeiruf 110“. Sie entstand als Reaktion auf den westdeutschen „Tatort“ und startete ebenfalls 1971. Zum vierzigsten Jubiläum wird ein Traum vieler Fans endlich wahr. Denn viele der Folgen, die noch nie im Fernsehen wiederholt wurden, erscheinen nun erstmals auf DVD. Bislang sind 158 verschiedene „Tatort“-Folgen bei Walt Disney Studios und beim RBB erschienen. Vorerst soll es keine neuen Veröffentlichungen mehr geben, was viele Fans bedauern werden.

Mit einer zeitlichen Verzögerung starten abwechselnd Studio Hamburg und Icestorm Entertainment mit der DVD-Veröffentlichung der frühen „Polizeiruf“-Folgen aus DDR-Zeiten. Die Boxen beinhalten jeweils acht Fälle auf drei DVDs mit Laufzeiten von meist mehr als 500 Minuten, dazu viele Extras wie Darsteller-Interviews und illustrierte Booklets. Geplant sind 19 Boxen, auf denen alle 153 zu DDR-Zeiten entstandene Folgen erscheinen werden. Sie waren einst der Exportschlager des DDR-Fernsehens und wurden in über 35 Ländern ausgestrahlt. Die Reihe lief nicht nur in Osteuropa, Bulgarien, Rumänien, Polen und Ungarn, sondern auch im Westen, etwa in Dänemark, Italien und Schweden, und sogar in so fernen Ländern wie Afghanistan, der Mongolei und Vietnam. Der „Polizeiruf“ kam in chinesische und sowjetische Kinos, und selbst zur Devisenbeschaffung in der Bundesrepublik Deutschland diente er. Dort wurde er in den Dritten Programmen der ARD ausgestrahlt.

In der Heimat war „Polizeiruf 110“ die mit Abstand erfolgreichste Reihe des DDR-Fernsehens. Mit sensationellen Quoten von über 50 Prozent erwies sich der Dauerbrenner, der als einzige Reihe neben dem Sandmännchen die Wende überlebte, als wahrer Straßenfeger. Die hochwertig produzierte Krimi-Unterhaltung bietet nebenbei ehrliche Einblicke in die Alltagswirklichkeit der Menschen im realen Sozialismus, wobei zwischenmenschliche Konflikte und nicht Gewalt im Mittelpunkt stehen. Alle Folgen sind FSK 12. Im Mittelpunkt der Reihe stehen die Kriminalisten der „Sondergruppe Fuchs“. Sie klärt Verbrechen aller Art in der gesamten DDR auf, weshalb man ähnlich wie im westdeutschen „Tatort“ unterschiedliche Landschaften und Dialekte mitbekommt. So liegen die Schauplätze in Berlin, Frankfurt/Oder, Rostock, Leipzig, Dresden, Potsdam und Halle sowie auf dem Land, in Ferienorten an der Ostsee und im Harz. Im Gegensatz westdeutschen Krimi-Klassikern wie „Tatort“ oder „Der Kommissar“ gibt es „Polizeiruf“ oft keine Leichen. Denn die Sondergruppe ist nicht nur für Gewaltverbrechen wie Mord und Totschlag zuständig, auch Einbruch, Erpressung, Diebstahl, Betrug und Jugendkriminalität gehören zu ihren Aufgabengebieten.

Geprägt wurde der „Polizeiruf 110“ besonders durch die Figur des Oberleutnant, später Hauptmann Fuchs, den der Schauspieler Peter Borgelt (84 Fälle) von Beginn an verkörperte. Anfangs noch in Schwarz-Weiß ermittelte er zusammen mit Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler, 46 Fälle) und Oberleutnant Hübner (Jürgen Frohriep, 63 Fälle). „Polizeiruf 110“ trat die Nachfolge der von 1959 bis 1968 gesendeten Reihe „Blaulicht“ an. Doch während diese ein Kind des Kalten Krieges war, von Agenten, Schiebern und Schmugglern handelte, die im Westen zu Hause waren und ihren Geschäften in der DDR nachgingen, verabschiedete sich „Polizeiruf 110“ von der grenzüberschreitenden Kriminalität. Fortan spielten kleine und große Verbrechen von DDR-Bürgern die Hauptrolle. Dabei war es ein Politikum, dass es viele dieser Verbrechen laut offiziellen Statistiken eigentlich gar nicht gab. Somit war der „Polizeiruf“ eine ehrliche und realistische Produktion des DDR-Fernsehens und zugleich eine moralische Instanz, die den Bürgern den Spiegel vorhalten und vor ähnlichen Taten abschrecken wollte.

Die Autoren griffen viele Konflikte und Themen auf, die im DDR-Fernsehen in einer klassen- und konfliktlosen Gesellschaft sonst äußerst selten waren oder überhaupt nicht zur Sprache kamen: Alkoholismus, Einbruch, Erpressung, Diebstahl, Betrug, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Selbstmord oder Jugendkriminalität. Die Resonanz von realen Betroffenen und Opfern waren nach den Ausstrahlungen oft sehr groß. In den 1980er Jahren traten auch jüngere Ermittler wie Leutnant Grawe (Andreas Schmidt-Schaller, 31 Fälle) und Oberleutnant Zimmermann (Lutz Riemann, 15 Fälle) auf. Von den späteren gesamtdeutschen Ermittlern brachten es nur wenige auf über zehn Fälle, darunter waren Uwe Steimle (31 Fälle) als Hinrichs oder Edgar Selge (20 Fälle) als einarmiger Tauber. In den Nachwendefolgen wurden oft die die tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Umbrüche in der DDR thematisiert. „Das Duell“ spielt vor dem Hintergrund der Demonstrationen des Herbstes 1989. In der vom WDR und DFF verantworteten Koproduktion „Unter Brüdern“ gibt es eine einmalige Kooperation der beiden beliebtesten Krimireihen in Ost und West, als die Duisburger „Tatort“-Kommissare Schimanski und Thanner mit den „Polizeiruf“-Ermittlern Fuchs und Grawe einen Fall im grenzüberschreitenden Kunstschmuggel aufklären. Auch die Kriminalisten bekommen die die politischen und sozialen Veränderungen mit. Aus dem korrekten, pflichtbewussten und moralisch einwandfreien Genossen Hauptmann wird ein Hauptkommissar mit menschlichen Stärken und Schwächen, der Wartburg als Dienstwagen hat schnell ausgedient. In „Thanners neuer Job“, dem letzten „Polizeiruf 110“ des DFF, wird mit dem ersten Ermittler Fuchs symbolisch auch der DDR-Krimi in Rente geschickt.

Nach der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks Ende 1991 und der unmittelbar folgenden Gründung von MDR und ORB folgt eine Phase der Neuorientierung. „Polizeiruf 110“ erhält einen prädestinierten Sendeplatz am Sonntagabend im Wechsel mit „Tatort“. Das Ermittlungsgebiet wird über das der ehemaligen DDR ausgeweitet, so gibt es auch in Städten wie München oder Offenbach Ermittler. Das Spezifische geht mit der Zeit verloren und lässt oft keine allzu großen Unterschiede zum „Tatort“ mehr erkennen. Ein drittes „Tatort“-Ermittlerteam in Ostdeutschland soll bald neben Berlin und Leipzig etabliert werden. Auch der Vorspann und die Titelmelodie haben sich längst geändert, ganz im Gegensatz zum „Tatort“. Somit wird ein lang gehegter Wunsch aller Krimifans aus Ost und West endlich wahr, wenn zunächst die 153 „originalen“ DDR-Folgen auf DVD erscheinen.

Die vierte Box, veröffentlicht von Studio Hamburg in der Reihe „DDR TV-Archiv“, enthält acht Fälle aus den Jahren 1974 bis 1975 mit einer Laufzeit von 560 Minuten. In „Der Tod des Professors“ kommt während einer Feier in seinem eigenen Haus Professor Harms auf mysteriöse Weise ums Leben. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Kriminalisten auf ein kompliziertes Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie Harms. Jeder einzelne von ihnen könnte der Täter sein. Carolin Harms, die junge Ehefrau des Professors, ihr Geliebter, der Schauspieler Grabeleit, der Sohn des Professors sowie auch seine Schwiegertochter Irene. In „Nachttaxi“ wird in einer Großstadt vor einer Baustelle ein Taxifahrer überfallen und ausgeraubt. Die Polizei findet den schwerverletzten Mann, der bei seiner Flucht vor den unbekannten Tätern von einem unverkleideten Balkon eines Rohbaus gestürzt ist. In derselben Nacht beging ein Jugendlicher nach einem Unfall mit einem gestohlenen Auto Fahrerflucht. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen? Franz Werker ist ihn der Folge „Der Mann“ nach einem Tötungsdelikt vorzeitig aus der Haft entlassen worden. In einer Straßenbahnbrigade soll er wieder Fuß fassen. Doch die meisten Kollegen stehen ihm skeptisch gegenüber. Lediglich sein Brigadeleiter und Frieda Kirsch, die einzige Frau im Trupp, bringen ihm Vertrauen entgegen. Als Franz Werker sie besuchen will, ist Frieda Kirsch erschlagen. Ihm ist klar, dass jeder ihn für den Täter halten wird. In „Heiße Münzen“ haben unbekannte Täter zwei Tage vor einer Ausstellungseröffnung die wertvollsten Münzen aus einem Museum gestohlen. Unzureichende Sicherheitsvorkehrungen haben es den Dieben leicht gemacht. Der Verdacht liegt nahe, dass ein Mitarbeiter des Museums in den Fall verstrickt ist. Für die Kriminalisten wird der Fall zum Wettlauf mit der Zeit, denn bis zur Eröffnung müssen die gestohlenen Münzen wieder im Museum sein. In „Ein Fall ohne Zeugen“ wird in einer belebten Berliner Geschäftsstraße ein erst zehn Tage alter Säugling entführt. Die Mutter glaubt zunächst an einen Scherz, da niemand der Umstehenden etwas bemerkt haben will. Doch das Kind bleibt unauffindbar und die schreckliche Tat wird zur Gewissheit. Die sofortige Suchaktion der Schutzpolizei bleibt ohne Ergebnis. Da erhält Oberleutnant Hübner zwei wichtige Hinweise, die das Schlimmste befürchten lassen. In „Die Rechnung geht nicht auf“ versucht Roman Schneider, Barkeeper und Familienvater, durch Betrug seine ehrgeizigen Pläne zu finanzieren. Er verspricht seinen gutgläubigen Opfern Autos ohne die sonst übliche lange Wartezeit zu beschaffen. Das dafür vorausgezahlte Geld lässt er für sich „arbeiten“. Als die ersten Geprellten ihr Geld zurückfordern hat Schneider sich schon zu sehr in seinen waghalsigen Unternehmungen verstrickt. In „Zwischen den Gleisen“ werden auf einem großen Güterbahnhof von unbekannten Tätern hochwertige Waren aus den Waggons geraubt. Oberleutnant Hübner und ein Kollege von der Transportpolizei stellen fest, dass die Täter sich gut auf dem Gelände auskennen und unter den Mitarbeitern zu suchen sein müssen. Wachtmeister Subras erhält den Auftrag, verdeckt zu ermitteln. In „Das letzte Wochenende“ wissen die Kollegen des Maurers Heiner Kreutz nicht genau, was er an den Wochenenden tut. Er ist achtundzwanzig Jahre alt, ledig und gilt als Einzelgänger und Geheimniskrämer. Vermutlich baute er irgendwo außerhalb der Stadt ein Haus. Zuletzt hatte man ihn bei einem verdächtigen Materialtransport gesehen. Doch dann ist er plötzlich verschwunden und erst zwei Tage später wird seine Leiche im Strandbad entdeckt.

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