Public Enemy No 1 Kritik & Meinung
Der Gangsterfilm galt besonders in den 1960er Jahren als besondere Spezialität des französischen Kinos. Vor allem Jean Pierre Melvilles Geschichten aus der Pariser
Unterwelt mit ihren eigenen Regeln und mit Niederlage oder Tod des „Helden“ am Ende schrieben Kinogeschichte. Mit dem fast vierstündigen zweiteiligen Gangster-Biopic „Staatsfeind Nr. 1 – 1. Teil Mordinstinkt, 2. Teil Todestrieb – über den berüchtigten Jacques Mesrine (1936–1979) feiert dieses klassische Genre jetzt eine gelungene Neuauflage.
Regisseur Jean-François Richet bietet eine große Elite an französischen Darstellern auf, allen voran Vincent Cassel als Mesrine, außerdem den von James Bond bekannten Mathieu Amalric als einer seiner Komplizen, Gerard Depardieu als Pariser Gangsterboss und Ludvine Sagnier („Swimming Pool“) als letzte von Mesrines zahlreichen Geliebten.
Je nach Sichtweise ist einiges geboten oder zu ertragen an Sex und Crime in diesem epischen Streifen. Aber im Gegensatz zu vielen amerikanischen rein fiktionalen Actionstoffen ist hier die Gewalt, sei sie noch so exzessiv, kein Selbstzweck, sondern sie soll fast wie in einem Dokumentarfilm zeigen, wie brutal ein realer Mensch wirklich sein kann und was ihn immer wieder zu seinen Taten antreibt. Wer so viel austeilt wie Mesrine, muss auch einiges einstecken können. Besonders erfährt er das in einem kanadischen Hochsicherheitsgefängnis während seiner Isolationsfolter, als er nackt am Boden liegend mit einem Wasserwerfer traktiert wird.
Die Story schildert mit Unterbrechungen die letzten 20 Jahre im Leben dieses Berufsgangsters von 1959 bis 1979. Man erlebt fast dokumentarisch genau seinen Aufstieg vom Kleinkriminellen zum Profiverbrecher. Angewidert von der Gewalt im Algerienkrieg flieht Mesrine aus der Armee und steigt unter den Fittichen des Pariser Unterweltbosses Guido schnell zum charismatischen und eiskalten Verbrecher auf.
Nebenbei führt er zunächst ein scheinbar bürgerliches Leben und heiratet die Spanierin Sofia. Obwohl sie drei Kinder miteinander haben, hält es Sofia nicht lange mit ihm aus. Mit seiner nächsten Gefährtin Jeanne Schneider (Cecile de France) gelingen ihm zahlreiche Coups im Stil von Bonny und Clyde. Als es ihnen in Frankreich zu gefährlich wird, setzen sie sich nach Kanada ab und führen ihre Einbrüche und Entführungen fort, bis sie gefasst werden und in einem Spezialgefängnis landen, in dem ein Ausbruch unmöglich scheint. Doch jetzt zeigt sich zum ersten Mal Mesrines Kunst des Ausbrechens aus Gefängnissen oder Gerichtssälen, die ihn neben seinen Gewaltverbrechen berühmt und zum Staatsfeind Nr. 1 in Frankreich und Kanada gemacht hat.
Der zweite Teil des Films setzt 1973 ein, als Mesrine wieder in Frankreich zurück ist und Polizei und Medien mit weiteren brutalen Verbrechen in Atem hält. Sein gut eingespielter Lebensrhythmus von Verbrechen, Haft und Ausbruch setzt sich fort.
Obwohl seine kaltblütigen Taten im Gegensatz zum damaligen Terrorismus (RAF, Rote Brigaden) nicht politisch begründet sind, will er auf dessen Popularitätswelle mitschwimmen. In seiner im Gefängnis verfassten Biographie und in Interviews sieht er sich als modernen Robin Hood und politisch Verfolgten. Angetrieben von krankhafter Geltungssucht und Egomanie zieht er eine Spur der Verwüstung durch Frankreich. Doch am Ende sitzt er in der Schlinge einer 80-köpfigen Sonderkommission und wird im Kugelhagel von neunzehn Schüssen regelrecht hingerichtet.
Bei Mesrine verwundert immer wieder seine äußere Verwandlungsfähigkeit durch verschiedene Bärte und Frisuren, ein Masche, die auch die RAF-Terroristen anwandten. Zuweilen erinnern die verbrecherischen Streifzüge mit den Triumphgesten nach einem „Erfolg“ an Andreas Baader und Gudrun Ensslin oder an Moritz Bleibtreu und Johanna Wokalek, denn der „Baader Meinhof Komplex“ von Uli Edel kam etwa zur selben Zeit in die Kinos wie „Staatsfeind Nr. 1“. Den Vergleich der beiden Filme kann der Franzose für sich gewinnen, denn allein die längere Spielzeit lässt mehr Raum für eine sensible Charakterzeichnung des zwielichtig brutalen und charmanten Mesrine. Splitscreen-Darstellungen mit drei Bildern aus verschiedenen Zeiten und, besonders im zweiten Teil, eine bewegliche Handkamera lassen beim Zuschauer ein Gefühl der Betroffenheit aufkommen. Man fühlt sich mitten im Geschehen und die Spannung bleibt trotz der Länge des Films pausenlos erhalten. Der Regisseur ergreift erfreulicherweise keine Partei für oder gegen den Protagonisten, sondern überlässt diese Entscheidung dem Zuschauer.
Die Charakterzeichnung dieses auf den ersten Blick verachtenswerten Charakters gelingt den Filmemachern trotz aller Gewalt so einfühlsam, dass man am Ende sogar Mitleid mit Mesrine haben kann. Denn er sieht voraus, wie er einmal enden wird, kann aber durch seine Sucht nach Ruhm und Geltung nichts dagegen tun, immer wieder neu auf blutige Raubzüge zu gehen. Letztlich ist die Botschaft auch dieses Gangsterfilms, wie schon bei „Scarface“ über Al Capone oder „Bonnie und Clyde“, dass sich Verbrechen letztendlich nicht auszahlen. Aber es ist dennoch immer wieder faszinierend, wie sich Berufsverbrecher nicht nur durch Gewalt, sondern vor allem mit Unternehmungsgeist und wahnwitziger Tollkühnheit von der breiten Masse abheben und den positiven oder negativen Helden spielen können.
Die DVD-Extras mit Making of und Interviews nehmen den vielen zu ertragenden blutigen Gewaltszenen etwas ihren Schrecken.
Fazit:
Gelungene Charakterzeichnung eines charismatischen „echten“ Topverbrechers
von Johannes Kösegi
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Soundtrack
Schauspieler
Vincent Cassel
als Jacques MesrineLudivine Sagnier
als Sylvie JeanjacquotMathieu Amalric
als François BesseGérard Lanvin
als Charly Bauer














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