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RESTREPO: „Du kannst es dir nicht erlauben, in Schockstarre zu verfallen“ – Interview mit Major Martin Rivard über seinen Afghanistan-Einsatz

Für die Oscar®-nominierte Doku­men­ta­tion „Rest­repo“ (seit 7. Juli auf DVD/ Blu-Ray-Disc erhält­lich) beglei­te­ten Tim Hethe­ring­ton und Sebas­tian Jun­ger US-Soldaten in Afgha­nis­tan. Auch Mar­tin Rivard war für neun Monate dort im Ein­satz. Er ist 40 Jahre alt und Major der kana­di­schen Armee.  Wir haben uns mit ihm dar­über unter­hal­ten, wie er seine Zeit in Afgha­nis­tan erlebt hat.

 

-          Hallo Mar­tin. Wie war das damals – war es deine freie Ent­schei­dung, nach Afgha­nis­tan zu gehen, oder war das ein Dienstbefehl?

Es war ein Zwi­schen­ding zwi­schen Frei­wil­lig­keit und Befehl. Ich hatte die Mög­lich­keit, abzu­leh­nen, aber das hätte mir bei künf­ti­gen Beför­de­run­gen Steine in den Weg gelegt. Letzt­lich war es meine Ent­schei­dung, nach Afgha­nis­tan zu gehen. Es war nicht so, dass man mich dazu gezwun­gen hätte.

 

-          Wie viel Zeit hat­test du zwi­schen dem Moment, als dein Ein­satz klar war und dem Tag, als es dann tat­säch­lich los ging? Was hast du in die­ser Zeit gemacht?

Es lagen sechs Monate zwi­schen mei­ner Ent­schei­dung und der Abreise nach Afgha­nis­tan. Wäh­rend die­ser Zeit hat­ten wir eine Menge  Übun­gen und Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men für den Ein­satz, unter ande­rem Waf­fen­trai­ning und Feld­übun­gen. Wir wur­den ein­ge­stellt auf spe­zi­elle Situa­tio­nen wie Kämpfe oder das Arbei­ten in unge­wohn­ten Umge­bun­gen. Außer­dem hat­ten wir auch eine stan­dar­di­sierte Vor­be­rei­tung für den Ein­satz­ort, unter ande­rem Geo­gra­phie­kurse und Ein­füh­run­gen in die Kul­tur und wie man sich dort ver­hal­ten muss. Bei­spiels­weise gilt es in Afgha­nis­tan als unhöf­lich, beim Will­kom­mens­gruß die linke Hand zu rei­chen und ein Hand­schlag wird dort als ver­bind­li­cher Ver­trag betrach­tet. Das sind so Sachen, die man vor­her wis­sen muss, wenn man dort hin geht.

 

-          Und,  hat­test du vor Ort dann häu­fig mit den Ein­hei­mi­schen zu tun? Was waren denn deine genauen Auf­ga­ben in Afghanistan?

Ich hatte Auf­ga­ben aus dem Bereich Infor­ma­tion und Kom­mu­ni­ka­tion und war die meiste Zeit in der Basis. Ich hatte des­halb nicht so viel Kon­takt mit den Ein­hei­mi­schen. Am nächs­ten kam ich den Men­schen dort, als ich eine Zeit lang in der Bot­schaft in Kabul im Ein­satz war. Man­che mei­ner Kol­le­gen, die häu­fi­ger mit den Afgha­nen in Kon­takt kamen, haben aber regel­mä­ßig von Fäl­len erzählt, wie sie auch in „Rest­repo“ gezeigt wer­den. Bei­spiels­weise gab es eine Situa­tion, in der wir Wie­der­gut­ma­chung für Beschä­di­gun­gen an Häu­sern und Fel­dern geleis­tet haben. Wir haben den Leu­ten kein Geld gege­ben, son­dern Zie­gen. Der Grund: Sicher­heits­be­den­ken. Fami­li­en­be­zie­hun­gen sind sehr wich­tig in Afgha­nis­tan. Wenn du den Leu­ten Geld gibst, kann es manch­mal sein, dass sie es zu Ver­wand­ten schi­cken, die für die Tali­ban kämp­fen und Waf­fen davon kau­fen. Um das zu ver­hin­dern, kon­zen­trier­ten wir uns dar­auf, ihnen Sachen zu geben, die ihnen direkt für ihr Leben zu Gute kom­men. Das war das nor­male Vor­ge­hen, ihnen Tiere zu geben oder Essens­vor­räte, um für Schä­den aufzukommen.

 

-          Du sprichst die Tali­ban an – wie war es denn für dich vor Ort? Hast du Angst gehabt, dass du ver­letzt oder getö­tet wirst?

Nein, hatte ich nicht. Es gab aber auch keine Situa­tion, in der mir jemand mit der Waffe in der Hand gegen­über gestan­den hätte um mich zu töten. Aller­dings wurde unsere Basis immer wie­der mit Rake­ten beschos­sen, so etwa zwei bis drei­mal pro Woche. Trotz­dem gab es eigent­lich nur einen ein­zi­gen Moment, in dem mir mul­mig wurde: Ich war drau­ßen im Hof, als das Gebäude mit Rake­ten atta­ckiert wurde. Aber das war das ein­zige Mal in neun Mona­ten, dass ich etwas Angst hatte. Wenn du dort bist, musst du dir immer wie­der sagen, dass du ohne­hin nicht viel aus­rich­ten könn­test – wenn es dich trifft, dann kannst du es nicht ver­hin­dern. Des­halb kon­zen­triert man sich ganz ein­fach auf seine Auf­ga­ben. Wenn du was erle­di­gen musst, dann musst du das erle­di­gen. Du kannst es dir nicht erlau­ben, in Schock­starre zu ver­fal­len. Wir haben das lange geübt und das führt zu einer ent­spre­chen­den inne­ren Hal­tung: Du bist dir sicher, dass du dich immer durch deine Ängste durch­ar­bei­ten und sie bei­sei­te­schie­ben kannst. Aber das ist natür­lich etwas, was nicht von alleine kommt. Es ist das Ergeb­nis har­ter Arbeit wäh­rend einer lan­gen Zeit.

Meine Frau konnte mit der Situa­tion eben­falls ganz gut umge­hen. Als ich sie ein­mal anrief, wur­den wir durch Sire­nen unter­bro­chen. Ich habe nur gesagt: „Da ist was pas­siert, ich muss auf­le­gen“, ohne ihr zu erzäh­len, dass wir gerade mit Rake­ten beschos­sen wur­den. Das war so abge­macht, dass ich ihr über die gefähr­li­chen Situa­tio­nen keine Details erzähle. Als ich die Basis ver­ließ, um für einige Wochen in Kabul in der Bot­schaft zu arbei­ten, war sie aller­dings etwas besorg­ter. Ich musste ihr ver­spre­chen, mich nicht frei­wil­lig für gefähr­li­chen Blöd­sinn zu mel­den. Und ich sagte: „Okay“. Das hat für uns gut funktioniert.

 

-          Also war es kein Pro­blem, den Kon­takt nach Hause zu dei­ner Fami­lie zu halten?

Nein. Ich hatte ein Tele­fon an mei­nem Arbeits­tisch und durfte zu Hause anru­fen, wenn ich wollte. Das hat gut geklappt und war wirk­lich ein­fach, das ein­zige Pro­blem war die Zeit­ver­schie­bung. Wir hat­ten außer­dem auch Inter­net und Skype und es gab tech­ni­sche Ein­rich­tun­gen für Video­kon­fe­ren­zen in der Basis, die wir nut­zen durf­ten. Man konnte das ganz ein­fach buchen und konnte dann Kanada kon­tak­tie­ren. Das war echt prima gelöst.

 

-          Das klingt wirk­lich toll. Aber bestimmt hast du trotz­dem man­che Dinge vermisst?

Ja, schon. Meine Toch­ter wurde gebo­ren, kurz bevor ich nach Afgha­nis­tan bin. Ich habe die ers­ten Monate ihres Lebens ver­passt. Meine Frau hat sie zwar immer gefilmt und mir DVDs davon geschickt, aber nicht selbst da zu sein war ziem­lich schwie­rig für mich. Das sind schließ­lich Momente, die du nie zurück bekommst. Außer­dem habe ich es ver­misst, in mei­nem eige­nen Bett zu schla­fen. Es ist unglaub­lich, was das für eine Umstel­lung ist, nicht zu Hause im eige­nen Bett neben dei­ner Ehe­frau zu lie­gen. An mate­ri­el­len Din­gen habe ich hin­ge­gen wenig ver­misst. Wir hat­ten einen gro­ßen Laden in der Basis, der ein umfang­rei­ches Sor­ti­ment an west­li­chen Waren hatte. Das war also für uns in der Basis kein Problem.

 

-          Wie hat deine Fami­lie rea­giert, als du am Ende wie­der aus Afgha­nis­tan zurück gekom­men bist? War es schwie­rig, ins „nor­male“ Leben zurückzufinden?

Meine Toch­ter hatte sich sehr daran gewöhnt, mit ihrer Mut­ter allein zu sein.  Das war erst­mal schwie­rig. Außer­dem stellt man sich auf unter­schied­li­che Rou­ti­nen ein und muss sich dann erst wie­der umstel­len, wenn man zurück kommt. Als ich im Ein­satz war, war mein Leben eher wie­der wie damals, als ich Jung­ge­selle war – und dann kommst du zurück in dein ver­hei­ra­te­tes Fami­li­en­le­ben. Das dau­ert dann ein Biss­chen, bis du wie­der rich­tig ankommst. Aber ich würde jeder­zeit wie­der zu einem Aus­lands­ein­satz gehen, wenn es not­wen­dig wird. Das ist nun­mal Teil der Ver­pflich­tung, die wir alle ein­ge­hen, wenn wir die Uni­form anzie­hen. Es ist noch nicht mal eine Frage des „Ob“, son­dern eher eine Frage des „Wann“. Meine Frau und ich wis­sen beide, dass es wie­der dazu kom­men wird. Hof­fent­lich nicht so bald, aber ich werde sicher wie­der dazu auf­ge­for­dert, irgendwo hin zu gehen.

 

Wir bedan­ken uns bei Mar­tin Rivard für das offene und inter­es­sante Gespräch. Wer nun neu­gie­rig gewor­den ist, und mehr zum Thema wis­sen möchte: Seit kur­zem ist die preis­ge­krönte Doku­men­ta­tion „Rest­repo“ im Han­del erhält­lich, in der ein Kame­ra­team US-Soldaten in Afgha­nis­tan beglei­tete und den All­tag im Ein­satz haut­nah zeigt. Der Film gibt wei­tere span­nende Ein­bli­cke – sehr  empfehlenswert.

 

 

Über den Film:

Rest­repo“ ist der Name eines Außen­pos­tens der US-Armee im afgha­ni­schen Korengal-Tal, von den GIs auch „Tal des Todes“ genannt: Nir­gendwo anders in Afgha­nis­tan hatte die USA mehr gefal­lene Sol­da­ten zu bekla­gen. Über ein Jahr hin­weg beglei­te­ten die Regis­seure Sebas­tian Jun­ger und Tim Hethe­ring­ton ein Pla­toon der 173. US-Luftlandebrigade bei ihrem Ein­satz und zei­gen dabei den durch Feu­er­ge­fechte gepräg­ten, scho­nungs­lo­sen All­tag der Truppe. Dabei kom­men weder Diplo­ma­ten oder Gene­räle zu Wort, son­dern aus­schließ­lich Fuß­sol­da­ten. Somit hat der Zuschauer erst­mals die Mög­lich­keit, einen nach heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen geführ­ten Krieg kom­plett aus Sicht der Boden­trup­pen zu erleben.

 

Die ein­drucks­volle Kriegs­do­ku­men­ta­tion über einen Außen­pos­ten der US-Armee im afgha­ni­schen Korengal-Tal, einer Hoch­burg der Tali­ban und Al-Qaida wurde für den Oscar® als bes­ter Doku­men­tar­film 2010 nomi­niert und als Bes­ter Doku­men­tar­film 2010 auf dem Sun­dance Film Fes­ti­val aus­ge­zeich­net. Rea­lis­ti­sche und unge­schönte Dar­stel­lung des Afgha­nis­tan­kriegs aus der Sicht ein­fa­cher Sol­da­ten – sol­che Bil­der dür­fen die Nach­rich­ten­sen­der nicht zeigen!

Regis­seur und Kriegs­fo­to­graf Tim Hethe­ring­ton starb am 21. April 2011 bei einem Angriff in Libyen.

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