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Swastika

Vor fast 40 Jah­ren sorgte ein Doku­men­tar­film bei den Film­fest­spie­len in für Can­nes Furore, weil er wäh­rend der Vor­füh­rung abge­bro­chen wer­den musste und somit einen Skan­dal aus­löste. Sein Titel „Swas­tika“ bedeu­tet „Haken­kreuz“, der Autor Phil­ippe Mora ist ein jun­ger Aus­tra­lier, Sohn jüdi­scher Ein­wan­de­rer, der mitt­ler­weile in den USA lebt. Der Film zeigt in einer Col­lage Ori­gi­nal­auf­nah­men aus Deutsch­land wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus.

Im Gegen­satz zu den heu­ti­gen his­to­ri­schen Bei­trä­gen mit erho­be­nen Zei­ge­fin­gern, Kom­men­ta­ren, Zeit­zeu­gen und klu­gen Pro­fes­so­ren­mei­nun­gen ver­zich­tet „Swas­tika“ auf jeg­li­chen beleh­ren­den Kom­men­tar und setzt des­halb ein ent­spre­chend vor­ge­bil­de­tes Publi­kum vor­aus. Haupt­aus­lö­ser des Skan­dals bei der Urauf­füh­rung waren beson­ders einige Sze­nen, die Hit­ler und seine Mit­strei­ter mit Frauen, Kin­dern, Hun­den und Kanin­chen in locke­rer pri­va­ter Atmo­sphäre auf ihrem Feri­en­do­mi­zil Ober­salz­berg bei Berch­tes­ga­den zeig­ten. Für die einen waren hier die Nazi-Bestien zu sehr ver­mensch­licht wor­den, ein Vor­wurf, der viel spä­ter von ver­schie­de­ner Seite auch dem fik­tio­na­len Film „Der Unter­gang“ über Hit­lers letzte Tage gemacht wurde. Für andere, und von ihnen gab es zu die­ser Zeit auch noch genü­gend, war der Film eine Ent­mys­ti­fi­zie­rung und Majes­täts­be­lei­di­gung der wie ein Gott ver­ehr­ten Führerfigur.

Heute nach 37 Jah­ren kann sich jeder selbst ein Bild dar­über machen, denn der Film ist jetzt bei abso­lut Medien erst­mals in Deutsch­land auf DVD erschie­nen. Er ent­hält neben dem etwa 90-minütigen Haupt­film mehr als eine Stunde Bonus­ma­te­rial, in dem viel über seine Ent­ste­hung und die Inten­tion der Auto­ren zu erfah­ren ist. Auch ein BBC-Interview mit Albert Speer, dem damals letz­ten der „Gro­ßen“ aus Hit­lers Gefolg­schaft, die noch am Leben waren, bringt einige Erkennt­nisse. Er hat Hit­ler als einen Welt­ab­ge­wand­ten wie von einem ande­ren Stern in Erinnerung.

Sen­sa­tio­nell waren 1973 vor allem die in ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ar­chi­ven ent­deck­ten Pri­vat­auf­nah­men aus Hit­lers Umfeld, die von sei­ner Freun­din Eva Braun mit einer 16-mm-Filmkamera auf in Deutsch­land damals sehr sel­te­nem ame­ri­ka­ni­schem Ektachrome-Farbilm auf­ge­nom­men wur­den. Eva Braun war Foto­la­bo­ran­tin bei Hit­lers Leib­fo­to­graf Hoff­mann, des­sen Sohn die Sze­nen gefilmt hat, auf denen sie zu sehen ist. Wer aller­dings unter Pri­vat­auf­nah­men hofft, Hit­ler im Schlaf­an­zug zu sehen, wird ent­täuscht. Wie immer in pass­ge­nauer brau­ner Uni­form mit Haken­kreuz am Ober­arm oder mit Anzug und Kra­watte zeigt er sich in staats­män­ni­scher Geste, wenn eine Kamera in der Nähe ist. So ganz intim waren diese Kaf­fee­run­den mit den ande­ren aus dem Füh­rungs­ka­der also doch nicht. Ledig­lich Eva Braun gibt im Bikini und bei ver­schie­de­nen sport­li­chen Übun­gen etwas mehr von sich preis. Aus heu­ti­ger unvor­ein­ge­nom­me­ner Sicht ist der Film über­haupt nicht skan­dal­träch­tig. Er lässt nur immer wie­der stau­nen, wie ein Groß­teil der Mas­sen sich der­ar­tig von dem Füh­rer­kult hat über­rum­peln las­sen kön­nen. Man könnte mei­nen, ein gan­zes Volk sei unter Hyp­nose gestanden.

Die pri­va­ten Auf­nah­men von Hit­lers Umfeld und die selbst­ver­ständ­lich vom Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­rium zen­sier­ten Wochen­schau­auf­nah­men in „Swas­tika“ sind zum größ­ten Teil in den Jah­ren 1933 bis 1939 ent­stan­den, also noch bevor mit dem Polen­feld­zug der Zweite Welt­krieg mit all sei­nem Elend begon­nen hatte. Man sieht und hört, wie Furt­wäng­ler Beet­ho­vens Neunte diri­giert, Weih­nachts­idylle unter der Jul­tanne, kol­lek­tive Arbeits­ein­sätze beim Auto­bahn­bau, die von den Nazis per­fekt insze­nier­ten Olym­pi­schen Spiele von 1936, ein Reichs­ern­te­dank­fest, die Mobil­ma­chung jun­ger begeis­ter­ter Män­ner und von Leni Rie­fen­stahl präch­tig in Szene gesetzte Reichsparteitage.

Die Musik­un­ter­ma­lung bringt haupt­säch­lich Musik von Wag­ner: Tann­häu­ser, Meis­ter­sin­ger, Par­si­fal und Siegfried-Idyll. Dazwi­schen sind immer wie­der die locke­ren pri­va­ten Auf­nah­men vom Ober­salz­berg ein­ge­streut. Hit­ler beim Small­talk mit Göring, Himm­ler, Speer oder mit sei­nem Hund „Stasi“. Der Name stimmt wirk­lich und soll viel­leicht unbe­wusst einen Vor­ge­schmack dar­auf geben, was einem Teil der Deut­schen nach Hit­ler noch blü­hen wird.

Gäbe es nicht den erns­ten Hin­ter­grund, könnte man dies alles als Real­sa­tire betrach­ten, zumal den „Dar­stel­lern“ der Pri­vat­auf­nah­men nach­träg­lich Worte in den Mund gelegt wur­den, die von gehör­lo­sen Lip­pen­le­sern bestimmt wor­den waren. Das macht die grau­sa­men Macht­ha­ber mensch­lich, zeigt aber auch, dass Hit­ler nur so als klein­bür­ger­li­cher bana­ler Mensch vom Volk als einer der ihren betrach­tet wurde und des­halb den enor­men Erfolg fei­ern konnte. Einige neu­trale Stim­men loben Nazi-Deutschland im Film sogar aus­drück­lich, so der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Cham­ber­lain oder der US-Sprinter Jesse Owens. Aber es gibt auch War­ner, die den Spuk recht­zei­tig erkann­ten, wie etwa Albert Ein­stein in einer Rede in Eng­land oder Demons­tran­ten gegen Nazi-Deutschland in New York.

Der schreck­li­che Zweite Welt­krieg wird nur sym­bo­lisch ange­deu­tet durch das „Hindenburg“-Unglück bei New York oder ein auf­zie­hen­des Gewit­ter am Ober­salz­berg. Die Fol­gen der schlimms­ten Kata­stro­phe der Mensch­heit, ein total aus­ge­bomb­tes Ber­lin und der Trans­port von Lei­chen­ber­gen in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in ein Mas­sen­grab blei­ben als Schluss­sze­nen nach­hal­tig in Erin­ne­rung. Man kann den Kri­ti­kern also kei­nes­wegs Recht geben, die in dem Film nur die mensch­li­che und gute Seite des Natio­nal­so­zia­lis­mus sehen wol­len. Die ent­spre­chende Intel­li­genz der Zuschauer vor­aus­ge­setzt besteht keine Wie­der­ho­lungs­ge­fahr, denn die gefähr­li­che Fratze des Natio­nal­so­zia­lis­mus scheint immer wie­der durch und wird nicht ver­harm­lost. Vor fast vier­zig Jah­ren war die Zeit viel­leicht für viele noch nicht reif für eine der­art unkom­men­tierte Reflek­tion, wes­halb es zum Skan­dal bei der Vor­füh­rung von „Swas­tika“ kam. Mitt­ler­weile sind auch die pri­va­ten Fotos aus Eva Brauns Archiv in vie­len Doku­men­ta­tio­nen immer wie­der gezeigt wor­den, aller­dings ohne Nachvertonung.

Aus heu­ti­ger Sicht ist der Film ein Lehr­bei­spiel eines per­fek­ten Col­la­ge­films. Infor­ma­tio­nen zu wei­te­ren inter­es­san­ten und hoch­wer­ti­gen Doku­men­tar­fil­men gibt es unter www.absolutmedien.de, dem Film­ver­lag der Spezialisten.

Offizieller Pressetext
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