Freitag, 3. September 2010

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Das weiße Band

Von: Yatiker Yildiz - Datum: 18. November 2009

1913 – ein Dorf in Nordeutschland. Plötzlich ereignen sich schreckliche Dinge, die sich niemand erklären kann. Einzig die Kinder scheinen mehr zu wissen.

Der neue Film von Michael Haneke erzählt eine düstere Kriminalgeschichte, die die Zweideutigkeit der Welt in ihrer grausamsten Art darstellt. Im Zentrum stehen die bekannten Persönlichkeiten des Dorfes: Bauer, Pfarrer, Arzt, Graf – beschrieben und erzählerisch dargestellt durch die Stimme des Dorflehrers (Ernst Jakobi). Am Anfang steht der Reitunfall des Dorfarztes (Rainer Bock), in dessen Hof ein Drahtseil gespannt ist, über das sein Pferd stolpert, und sich dabei das Bein bricht. Der Mediziner selbst verletzt sich schwer und kommt für mehrere Monate in ein Krankenhaus in der Stadt. Kurze Zeit später passieren weitere Unfälle, deren Aufklärung für Zwietracht und Misstrauen unter den Dorfbewohnern führt. Die Gewalt macht noch nicht mal vor der Familie des Grafen (Ulrich Tukur) halt, der doch der einzige Arbeitgeber des Dorfes ist.

Während der Lauf der Geschehnisse immer drastischer wird, erfährt der Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen der Dorfgemeinschaft, angefangen vom kleinsten Bauern (Klaus Manchen), der nicht wagt, wegen vorhandener Ungerechtigkeiten gegen seinen Dienstherren aufzubegehren, bis hin zum Pfarrer (Burghart Klaußner), der der endscheidenden Wahrheit nicht ins Gesicht blicken kann, weil er sich dann mit der Tatsache des eigenen Versagens beschäftigen müsste.

Das Bild der damaligen Gesellschaft, das geprägt ist von Neid, häuslicher Gewalt, Misshandlungen, Inzest, täglichen Erniedrigungen, Rassismus, Klassendenken, Affären, Lieblosigkeit und Desinteresse, alles sorgsam versteckt unter dem Mantel der bürgerlichen Gesellschaft und des unwiederfragbaren Gehorsams, erklärt auch, warum es zwanzig Jahre später einem kleinen Österreicher gelingen konnte, die Massen zu anderen, weitaus schlimmeren Greultaten zu bewegen.

Während die schwarz/weißen Bilder über die Leinwand huschen und in einem ein Gefühl der Beklemmung erzeugen, all das schon einmal selbst erlebt zu haben, ist man doch gespannt wie das Ganze endet. Doch dazu muss der Zuschauer eigene Ermittlungsarbeiten führen, denn obwohl es manche Hinweise und sogar einen geäußerten Verdacht gibt, bleiben die Geschehnisse weitgehend ungeklärt.

Besondere Beachtung verdient hierbei die künstlerische Darstellung der gesamten Kindercast, die so realistisch wirkt, dass eine Gänsehaut unvermeidbar scheint. Allen voran Maria-Victoria Dragus, die als Pfarrerstocher Klara direkt aus John Carpenters “Dorf der Verdammten” (1995) entsprungen zu sein scheint. Aber auch die Erwachsenen zeigen, dass sich ein großer Teil der deutschen Schaupielerelite in diesem Film zusammengefunden hat.

Auch die äußerst künstlerische Kameraführung und die teilweise spärlich bis ganz fehlende Beleuchtung tragen dazu bei, dass viele Ereignisse sich erst im Kopf des Zuschauers entfalten, was einer detektivischen Leistung à la Sherlock Holmes entspricht.

Alles in allem ein hervorragender klassischer Kriminalfilm, der die Gemüter bewegt. Zurecht wurde er mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet, nominiert für die Europäischen Filmfestspiele und ist vermutlich Deutschlands Anwärter auf die Oscar-Nominierung 2010. Ob ein so subtiles Kino, in dem einem nicht alles vorgekaut wird, allerdings in den Staaten einen Erfolg verzeichnen kann, mag zweifelhaft sein.



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Kategorie: Thriller


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